11 – Das innere Kind

Das innere Kind

Wie können mein inneres Kind und ich wieder Spaß und Sinn an meinem Beruf als Bibliothekarin im Umgang mit gezwungenen Lesern (Schüler bei der Referatsuche) entdecken, meinen (kindlichen) Trotz und gegenseitige Verweigerung abstellen, Geduld, (Ein-)Verständnis trainieren, ein kleidsames dickes Fell wachsen lassen? Die abendliche Traurigkeit des kleinen Häufchens Elend, das ich nur noch ratlos in den Arm nehmen kann, ist fast unerträglich.

Ich habe die Antwort im Außen gesucht: mit KollegInnen gesprochen, wie sie mit Desinteresse, Teilnahmslosigkeit, Passivität und einer fordernden Anspruchshaltung bei dieser Klientel umgehen – ich habe an meinen Chef appelliert, Schulen/Lehrer bei Referatthemen zu mehr Zusammenarbeit mit uns zu animieren – ich habe erfolglos probiert, meine Arbeitszeit zu reduzieren.

Ich habe im Inneren nach Antworten gesucht: Meine Seele bräuchte noch eine Lektion, konstruktiv mit Trotz und Verweigerung umzugehen – ich habe mein Herz gefragt, wozu es mir rät – alles ohne Erfolg.

Langsam gehen wir beide körperlich und seelisch vor die Hunde. Bitte, bitte, gib mir eine Antwort, die meine innere 6-jährige verstehen kann – sie ist zwar eigensinnig aber auch einsichtig, wenn sie im Unangenehmen einen Sinn erkennen kann. Sie braucht allerdings die Kindersprache: Herz und Seele sind ihr zu erwachsen, zu abstrakt.

Ich liebe sie mittlerweile sehr, denn sie hat mir beigebracht, daß es sich lohnt zu leben statt nur zu funktionieren. Ich mag sie nicht mehr nur in den Arm nehmen, trösten und sie um Tapferkeit bitten, das ist mir zu wenig, sie darf schon mehr von mir erwarten.

Antwort:

Ich schlage vor, du nimmst jetzt dein inneres Kind bei der Hand, und dann geht ihr zwei einmal spazieren. Lasst die nervigen kleinen Teufelchen (und auch die großen, die immer wieder einmal darunter sind) mit ihren Zetteln, Büchern und ihrem Referatgezeter einfach links liegen und sucht euch im Geist ein schönes Plätzchen. Vielleicht irgendwo im Grünen, wenn du dir das um diese Jahrszeit vorstellen kannst. Dort streckt ihr euch aus, blinzelt ein bisschen in die Sonne und dann schließt ihr die Augen. Der Welt sagt ihr, dass sie euch gefälligst den Buckel herunter rutschen kann und den lieben Gott, also mich, lasst ihr einfach einen guten Mann sein.

Ich habe einen kleinen Traum für euch vorbereitet, und wenn du dich darauf einlassen kannst, schicke ich ihn zu dir auf den Weg.

Alles was in diesem Traum zählt bist du. Alles was außerdem noch zählt ist deine innere Kleine.

Deine Sechsjährige ist nämlich ein paar Hundert Jahre älter als du und sie hätte dir manches zu sagen, was du dir durch den Kopf gehen lassen solltest.

Das Problem, mit dem du dich heute herumschlägst, ist natürlich überhaupt nicht neu. Im Gegenteil. Du hast es schon lange drauf dich davon abhängig zu machen, das es anderen gut geht, wobei die Betonung auf „abhängig“ liegt. Außerdem macht es dir viel aus was andere von dir denken und du möchtest um alles in der Welt, dass sie am besten nur Gutes von dir denken.

Wenn du deine Sechsjährige fragen würdest, was sie von alledem hält, würde sie vermutlich nur stumm den Kopf schütteln, dir den Rücken zudrehen und sich mit irgend etwas WICHTIGEM beschäftigen. Sie hat das einfach schon zu oft erlebt und weiß, dass du auf diesem Weg immer nur im Kreis herum laufen, aber keinen Schritt weiter kommen wirst.

Wenn du sie fragen würdest, was sie an deiner Stelle täte, würde sie vermutlich lächeln und immer noch nichts sagen. Denn sie weiß natürlich ganz genau, dass Einsichten dir nur dann etwas nützen, wenn sie aus dem Herzen kommen. Aus deinem Herzen. Und das schweigt an dieser Stelle, denn es ist verwirrt und weiß nicht so recht, wie es an dich herankommen soll, wo es doch schon alles Mögliche versucht hat.

Es kann aber auch sein, dass deine Kleine dich bei der Hand nimmt und dich aus dem Schatten, in dem du oft so fröstelnd und einsam stehst, hinaus in die Sonne führt. Sie stellt dich so hin, dass die Sonnenstrahlen dich einhüllen. Dann schnipst sie mit dem Finger und das Sonnenlicht verwandelt sich in eine zauberhafte, golden schimmernde Farbe, die dich von Kopf bis Fuß in ein Lichtkleid hüllt.

Und jetzt sieh dich in deiner Bibliothek. Umgeben von Büchern. Von Wissen. Von Bedeutung, Wichtigkeit und Kraft. Es ist eine Welt, die für dich geschaffen wurde weil du sie geschaffen hast. Es gibt Schlüssel dort, die du lange gesucht hast und die du genau dort finden kannst. Es gibt Antworten dort. Antworten auf Fragen, die du dir nicht erst in diesem Leben stellst.

Es ist eine Welt, und sie enthält mehr als das was du auf den ersten Blick wahrnimmst. Deine Augen sehen die Räume, Decken, Böden, Wände, das Mobiliar, die Menschen dort (die angenehmen wie die anstrengenden), die Bücher und was Augen sonst noch so entdecken, wenn sie die sie umgebende Welt abtasten.

Dein Herz sieht das Universum in allem, das dich dort umgibt. Es sieht die Schlüssel zu den Türen, hinter denen es für dich weiter geht und die darauf warten von dir entdeckt zu werden.

Du bist am richtigen Ort, am richtigen Platz und das auch noch zur richtigen Zeit. Aber du stellst dir den freien Blick auf dies alles zu, indem du Dingen einen Wert beimisst, den sie gar nicht haben.

Du solltest deine kleine Sechsjährige öfters mit zur Arbeit nehmen. Lass sie neben dir sitzen, während du deine Arbeit tust und wenn das nächste Mal wieder eine Meute quengeliger Schüler versucht dir das Leben schwer zu machen und dich von dem abzulenken, was eigentlich wichtig für dich wäre, dann wirf ihr einen Blick zu und schau was sie für ein Gesicht macht. Vermutlich wird es dich amüsieren wenn du siehst, wie sie in solchen Momenten mit den Augen rollt. Schon das wird dir helfen über die Situation erst einmal hinweg zu kommen.

Sprich mit ihr. Sie kann dir alles sagen, was du in einem solchen Augenblick wissen musst, um das für dich Richtige zu tun.

Traurig ist sie abends nur, wenn sie dich nicht erreicht hat und du dich in deinem Selbstmitleid vergräbst, was öfters vorkommt.

Ich sag es noch einmal: Du bist an einem wichtigen Platz in deinem Leben angekommen. Sieh dich dort um und halte Ausschau nach der nächsten Tür, hinter der es für dich weitergeht, anstatt Dinge für wichtig zu nehmen, die es überhaupt nicht sind.

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