Dialog 115

Als ich diesen Brief an dich anfing, war mir das noch nicht so klar. Jetzt, wo er fertig ist, habe ich die Empfindung, dass meine Entscheidung zu springen nun wahrscheinlich ernsthafter ist als sie es je zuvor gewesen ist. Vorher habe ich mich oft von Monikas Vertrauen mit-überzeugen lassen. Das hat manche Abgründe zugedeckt, die ich glaubte zu sehen. Im Moment vertraue ich vor allem mir selber. Sollte ich wieder versagen (wenn ich bisher versagt habe), dann bitte ich dich: Wenn es dich gibt und wenn du bei uns bist, dann sorge für meinen Sohn. Ich selber weiß nicht, ob ich es dann noch werde tun können. Ich will jetzt keine Antwort auf diesen Brief. Ich will ihn so stehen lassen.

Dialog 115, 11.04.1986

Ich schreibe diesen Text jetzt ohne große Hoffnung, denn es ist ja gerade das Problem, dass ich meinen Wahrnehmungen nicht mehr traue, dass ich mich seit heute morgen so stark wie noch niemals vorher im Zweifel fühle, ob ich wirklich unter deiner Führung stehe.

Auslöser war möglicherweise der Satz von Monika gestern Abend: „… stattdessen häufen sich unsere Belastungen, die Vereinsarbeit stagniert und ich habe Angst, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenbricht.“ Monika wird das anders gemeint haben, als ich es verstanden habe, aber das Bild von dem Kartenhaus war es letzten Endes, dass ich nicht verkraftet habe. Was ist, wenn alles nur Schein war? Was ist, wenn das ganze Gebäude, dass wir bisher errichtet haben, in Wahrheit wirklich nur ein Kartenhaus war? Wenn es nämlich eines war, dann wird es zusammenbrechen.

Seit wir uns in der Bretagne angesiedelt haben, betreiben wir im Grunde ein Verlustgeschäft, das nur durch Hilfen von außen (geliehenes Geld und staatliche Unterstützungen) am Leben gehalten werden konnte. Daran hat sich auch nichts geändert, seit ich am 10. Dezember angefangen habe, deine Worte aufzuschreiben. Das Geld reichte immer nur für das Nötigste und unser Handel bringt, seit wir ihn betreiben, oft nur das Wechselgeld in die Kasse. Jetzt reichen nicht einmal mehr diese Hilfsquellen, jetzt soll ein weiteres Mal Geld von außen in die Sache hinein gepumpt werden. Allerdings nicht für uns, nicht für den Handel, sondern für den Verein.

Dieser Verein begründet sich auf dich, auf alles was seit dem 10. Dezember geschehen ist. Ich war es, der seitdem an der Schreibmaschine gesessen hat. Es war zu allen Zeiten bekannt, dass ich deine Worte nicht als Diktat empfange, sondern es eher eine Art „inspiriertes Schreiben“ ist. Was ist, wenn nicht du mich inspiriert hast?

Ich habe immer wieder meine Zweifel gehabt und immer wieder hast du mich beruhigen können. Heute morgen hatte ich auf einmal eine andere Sichtweise von diesen Dingen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass deine Worte immer nur eine Art Trostpflaster waren, aber nie haben sie wirklich nachweislich etwas verändert. Die Bewegungen, die hätten in Gang kommen müssen, kamen nicht in Gang:
Der Markt stagniert nach wie vor, obwohl ich mittlerweile intensiv mit dem Handzettel arbeite, auf den du solches Gewicht gelegt hast. Du hast etliche Ratschläge zur Marktarbeit abgegeben, manche davon konnte ich befolgen, manche nicht, aber verändert hat sich im Grunde überhaupt nichts. Das Geschäft ist nach wie vor ein Verlustgeschäft. Nun sagst du zwar, darauf käme es nicht an, aber eben das sind Worte, an denen ich irre werden kann. Wenn das Geschäft mit den Heilpflanzen eine gute Sache ist, dann muss es auch florieren. Das eine gehört für mich zum anderen.

Der zweite Punkt ist der Verein. Er begründet sich ganz und gar auf dich, ist also nicht aus sich selber herangewachsen, wie zum Beispiel eine Gemeinschaft wie Eourres, sondern sozusagen gegründet worden wie eine Firma. Auch zum Verein hast du viel gesagt und vorausgesagt (auf der ganzen Welt würden sich Fäden spannen, die sich mit uns verbinden wollten und so weiter), aber real haben wir eine einzige Reaktion gespürt. Gut, das ist besser als nichts, aber es ist nicht sehr viel.

Ich sehe da jetzt Querverbindungen zum Marktgeschäft: Der Verein stagniert ebenso wie das Geschäft. Wenn es eine gute Sache wäre, dürfte er nicht so stagnieren. Wir hätten wohl noch mehr für ihn tun können, als wir getan haben. Doch haben wir auch nicht gerade wenig getan. Was ist, wenn sich nirgendwo auf der Welt Fäden spannen, die sich mit uns verbinden wollen? Beim Marktgeschäft habe ich bisher alles getan was ich tun konnte. Vielleicht hätte ich auch da noch mehr tun können (obwohl ich nicht weiß was), aber dass es so stagniert, steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den ich, den wir damit betreiben. Da stimmt doch etwas nicht.

Wenn solche Fragen aufgetaucht sind – und unsere Korrespondenz bestand ja immer aus Fragen – dann erhielten wir jedesmal eine Antwort. Bis heute haben mich diese Antworten mehr oder weniger zufrieden gestellt. Doch seit heute sehe ich, dass sie in der Sache nichts verändern. Ich hatte immer wieder meine Zweifel an mir und meiner Rolle als „Sekretär“ und deine Antworten darauf waren entweder Beschwichtigungen oder sogar Drohungen (von „du machst es schon ganz richtig so“ bis zu „wenn du meinen Weg verlässt, wirst du zugrunde gehen“).

Als ich dich wegen der Frage der Manifestation des Geldes für Haus und Umzug und Auto ansprach, hast du mir geraten, ohne weiteres einen Bankkredit in Anspruch zu nehmen. Einen Tag lang hat mir das eingeleuchtet, aber seit Monikas Worte gestern Abend und seit meinem Aufwachen heute morgen kommt mir das wie Irrsinn vor. Der Kredit, hast du gesagt, sei als der Stein zu verstehen, der auch „Les temps nouveaux“ ins Rollen bringen soll, denn durch eine lebhafte Vereinsarbeit käme auch das Geld in die Kasse, mit der so ein Kredit zurückgezahlt werden könne.

Sicher, das stimmt. Es „stimmt“ wie alles, was du zu diesen Dingen sagst. Aber was ich sehe ist nur, dass sich nichts bewegt. Deine Hilfen und Ratschläge sagen immer wieder dasselbe: „Das, was ihr in die Sache hinein gebt, wird aus ihr herauskommen“. Auch das stimmt. Aber wenn ich mir das Beispiel mit dem Markt anschaue, was sehe ich da? Ich habe alles, was ich konnte, hinein gegeben. Da aber bisher nichts dabei herauskam, kann das wohl nicht sehr viel gewesen sein. Ich weiß aber nicht, wo ich noch mehr hätte hienein geben sollen. Und du hast es mir auch nicht sagen können oder wollen.

Wie soll ich also annehmen, dass ich in den Verein mehr würde hinein geben können, damit dieses Unternehmung erfolgreicher sein wird? Bin ich unfähig? Hast du dir den Falschen ausgesucht? Dann lass doch nicht eine ganze Familie in dieses Loch stolpern, die sich auf dich verlassen (ich rede von Monika) und die darauf vertrauen, dass das, was ich aus der Schreibmaschine herausziehe original deine Worte sind. Ganz offensichtlich habe ich doch beim Marktgeschäft versagt. Warum soll ich beim Vereinsgeschäft erfolgreicher sein?

Monika hat sich entschlossen, dieses Risiko einzugehen. Sie hat aber auch das Vertrauen darin, dass dein Worte wirklich deine Worte sind. Und solange ich diese Vertrauen im Grunde auch hatte, konnte ich mich dazu auch entschließen. Heute morgen hat dieses Vertrauen aber einen Riss bekommen. Dann ist da aber auch noch unser Sohn, der sich nicht entschlossen hat, dieses Risiko einzugehen. Und ich frage mich, ob ich es verantworten kann, ihn den Situationen auszusetzen, die eventuell auf uns zukommen könnten, wenn auch das Vereinsgeschäft in den Bankrott führt. „Der schlimmste aller denkbaren Fälle“ sieht für mich seit gestern so aus: Wir nehmen einen Kredit über 26.000 F auf und können sie nicht zurückzahlen. Die Bank wird ihr Geld von ihrem Bürgen einziehen, wird also keinen Schaden haben. Aber was ist mit dem Bürgen, der uns vertraut hat? Wir sitzen mit unseren Möbeln in einem Haus, das wir nicht mehr halten können – bis dahin kann ich noch denken, aber dann versagt mein Vorstellungsvermögen. Und das alles begründet sich auf Worte, die ich inspiriert an der Schreibmaschine empfangen habe.

Monika sagt, ich sei ein Sprücheklopper und wahrscheinlich denkt sie noch schlimmeres über mich in diesem Augenblick. Ich kann es ihr nicht einmal verdenken. Sie vergisst aber dabei, dass sie nicht die Qualen der Zweifel hat, da sie deine Worte nicht aufgeschrieben hat. Ich weiß nicht, ob es ihr nicht ähnlich gegangen wäre, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären. Als du ihr geraten hast, ,mit dem Engel Kontakt aufzunehmen und seine Worte niederzuschreiben, war sie äußerst unsicher, aus welcher Quelle das stammte, was sie da notiert hat. Vielleicht gibt ihr das einmal einen Eindruck davon, wie unsicher ich mir oft bin.

Natürlich, wenn man von der Echtheit der Texte ausgeht, die ich bringe, dann stellen sich alle Schritte und Entscheidungen anders dar. Aber wenn man an dieser Echtheit zweifelt? Ich habe heute morgen kurz für Monika notiert, dass ich mit dem Gefühl aufgewacht bin, diesen Weg nicht weitergehen zu sollen. Zu mehr Erklärungen war ich in diesem Augenblick nicht fähig gewesen. Ich füge jetzt hinzu, dass ich mich dazu durchaus noch nicht entschlossen habe, dass ich aber im Moment sehr nachdenklich bin. Zu dieser Nachdenklichkeit, zu dieser Unsicherheit und auch zu diesen Quälereien habe ich ein Recht. Sie waren zu allen Zeiten vorhanden und haben den gesamten Weg bis heute begleitet. Monika weiß das sehr gut. Jetzt treten sie an einem scheinbar wichtigen Punkt auf, dem des „Springens“ und das macht sie jetzt dramatischer als früher.

Ich habe mir das alles jetzt einmal von der Seele geschrieben. Mir geht es etwas besser dadurch und ich sage deshalb dir und Monika folgendes:
Ich will nicht, dass meine Zweifel jetzt Folgen haben, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden sollen. Es geht hier nicht um eine Feigheit vor dem Springen, sondern es geht um den Riss im Vertrauen, den ich seit gestern Abend und heute morgen habe und für den ich nichts kann. Aber ich werde trotzdem „springen“. Wenn die Bank den Kredit gibt, werde ich ihn nehmen und wenn das Haus vermietet wird, werde ich es mieten. Aber ich tue es nicht frohen Herzens und nicht voller gesundem Vertrauen. Sondern ich tue es mit Angst im Nacken und – wenn ich heulen könnte – mit Tränen in den Augen.

Als ich diesen Brief an dich anfing, war mir das noch nicht so klar. Jetzt, wo er fertig ist, habe ich die Empfindung, dass meine Entscheidung zu springen nun wahrscheinlich ernsthafter ist als sie es je zuvor gewesen ist. Vorher habe ich mich oft von Monikas Vertrauen mit-überzeugen lassen. Das hat manche Abgründe zugedeckt, die ich glaubte zu sehen. Im Moment vertraue ich vor allem mir selber. Sollte ich wieder versagen (wenn ich bisher versagt habe), dann bitte ich dich: Wenn es dich gibt und wenn du bei uns bist,
dann sorge für meinen Sohn. Ich selber weiß nicht, ob ich es dann noch werde tun können. Ich will jetzt keine Antwort auf diesen Brief. Ich will ihn so stehen lassen.

© Monika Laube. Du darfst diesen Artikel zum persönlichen Gebrauch unverändert kopieren und weitergeben, vorausgesetzt dieser Copyright Hinweis steht am Ende des Dokumentes.  Für eine gewerbliche Nutzung nimm bitte Kontakt mit mir auf.

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