Dialog 209

Winter_Zaun

In deinem Kopf gibt es zu viele „wenn‘s“ und „falls’s“ und dergleichen. Es darf einfach nicht heißen „Was ist, wenn im November usw.“ Sondern eher so: „Der November wird anders!“

 

Dialog 209 – 28.10.1986

Ich bin seit gestern Abend ziemlich fertig. Ich merke immer wieder, wie eng meine Geschicke mit denen von Monika verknüpft sind, denn wenn sie leidet, tut mir das oft ganz genauso weh. Und wenn sie an unserer Lage verzweifelt, dann bricht für mich gleichfalls alles in sich zusammen.

Ich fühle mich innerlich krank und kaputt. Und eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich dir das überhaupt sage. Ich weiß nicht mehr, was ich von deinen Ratschlägen halten soll, die uns an einen Punkt gebracht haben, an dem mir manchmal ganz übel vor Angst wird.

Ich soll also heute zur Bank gehen und wieder Geld leihen? Und im November, der in drei Tagen anfängt? Wieder Geld leihen? Und von wem? Und im Dezember?

Du machst dir das einfach. Wirfst uns grobe Fehler vor, die wir das ganze Jahr über gemacht hätten. Doch weshalb hast du nie ein Wort darüber verloren, als es noch an der Zeit gewesen war? Außerdem bezweifle ich, dass wir sooo leichtsinnig zu viel Geld ausgegeben haben. So üppig waren unsere Einnahmen nicht gerade gewesen.

Dieses ganze Prinzip der Verschuldung ist doch Wahnsinn. Unser kleines Geschäft kann diese Belastungen nicht tragen. Der Finanzielle Kollaps ist für mich voraussehbar. Ja, ja, ich weiß, wir gestalten unsere Wirklichkeit selbst usw. usw.

Ich glaube, ich werde heute nicht zur Bank gehen. Stattdessen greife ich den Gedanken von gestern auf und gehe vielleicht wirklich mit meinen Pflanzen von Haus zu Haus. Ich weiß nicht, wieviel man auf diese Weise verdienen kann, aber so sehe ich wenigstens einen Lichtblick. Bei der Verschulderei sehe ich das nicht.

In deinem Kopf ist jetzt einiges durcheinander geraten. Es waren nicht meine Ratschläge, die euch in eure derzeitige finanzielle Lage gebracht haben. Ich habe euch doch nicht geraten so zu tun, als gäbe es die Rechnungen des Kräuterlieferanten nicht! Gib zu, dass der Sommer mit seinen flotten Einnahmen zu schön gewesen ist, um sich Gedanken über den Winter zu machen. Meine Kritik ist also nicht ganz unberechtigt.

Schwierig wird es mit deiner Sichtweise in Bezug auf geliehenes Geld. Wenn das alles für dich nur noch ein Wahnsinn ist und du den finanziellen Zusammenbruch schon voraussehen kannst, dann – ja, wirklich – bereitest du das auch tatsächlich vor.

Natürlich könnt ihr nicht alle Geldprobleme dadurch lösen, dass ihr euch Geld leiht. Aber im Moment geht es um Oktober und um nichts anderes. Ich habe übrigens nichts dagegen, wenn du es anders versuchen willst. Ich will dich doch nicht zur Bank jagen, wenn du das selbst gar nicht willst. Aber eine Realität ist nun einmal die: Der Oktober ist vorbei und ihr habt euer Ziel 4000 F zu verdienen nicht erreicht. Bestimmte Rechnungen sind aber fällig. Und du weißt noch nichts über die Einnahmemöglichkeiten des Verkaufs an der Haustür. Das ist wieder Neuland für dich.

Ich schlage vor, du lässt dir die Sache heute Morgen noch einmal durch den Kopf gehen. So wie du jetzt bist, bist du nicht offen genug für meine Worte. In deinem Kopf gibt es zu viele „wenn‘s“ und „falls’s“ und dergleichen. Es darf einfach nicht heißen „Was ist, wenn im November usw.“ Sondern eher so: „Der November wird anders!“

Tut mir Leid. Ich bringe heute Morgen einfach nicht die Kraft auf, das zu glauben.

Dann sollten wir jetzt auch nicht weiter reden, denn das wäre nur von Schaden.

 

Später am Tag:

Ich hatte heute nicht viel Gelegenheit, mir das alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Dafür war heute auf dem Markt erstaunlicherweise zu viel los. Außerdem weiß ich auch nicht, was ich dabei groß denken soll. Ich werde also jetzt zur Bank gehen und ich bitte dich um ein paar aufbauende Worte. Sonst fühle ich mich gar zu jämmerlich.

Auch lässt dir Monika ausrichten, dass sie meint verstanden zu haben, was für eine Botschaft in all dem verborgen ist. Und dass sie von nun an noch mehr als bisher auf dich als einzige Hilfe vertrauen will und nichts für ungut, wie sie sagt.

Es ist gut, wenn Monika es verstanden hat. Denn mit dem Geld ist es ja so: Wenn die Bank jetzt etwas leiht, löst das ja keines eurer Probleme. Das müsst ihr euch ganz klar vor Augen halten. Ihr müsst euch auch wirklich darüber nachdenken, wie man aus eurem Geschäft mehr machen kann.

Du aber geh ruhigen Herzens zur Bank und sieh, was man dir geben wird. Du hast heute ein schönes Ergebnis auf dem Markt gehabt, das sollte dich eigentlich etwas in Schwung bringen. Jetzt nimm dankbar an, was man dir zu geben bereit ist und zerbrich dir mit Monika zusammen ruhig mal etwas den Kopf über euer Geschäft. Ihr tut das viel zu wenig.

Aber ihr dürft jetzt keine Experimente machen, die zunächst Unkosten verursachen und bei denen der Erfolg eventuell erst langfristig eintritt. Ihr müsst euch Dinge überlegen, die GLEICH Geld bringen. Also zum Beispiel, so ein Tür-zu-Tür-Verkauf. Warum probierst du das nicht einfach mal aus? Da könnte doch ganz interessant werden und wäre bestimmt eine Alternative für verregnete Tage.

Also, lasst euch das mal durch den Kopf gehen. Denn eines müsst ihr wissen: Von nun an kann nichts mehr geliehen werden! Jetzt müsst ihr den Kahn flott machen. Das ist ein göttlicher Befehl!

Ansonsten  habt Vertrauen zu mir!

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