Dialog 265

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An der Südküste der Bretagne

Loslassen heißt nicht, blinden Vertrauens in einen Abgrund zu springen. Das wäre Torheit. Richtig gehandelt wird, wenn eine Entscheidung in innerem Frieden getroffen wird und vor allem, wenn sie innerlich „einstimmig“ war. Es gibt so viele „innere Stimmen“ und nicht alle raten zum Guten.

Dialog 265 – 07.05.1987

Jörg:
Heute Morgen kam mir plötzlich in den Sinn, nicht nach C. auf den Markt zu fahren. Mit diesem Gedanken fühlte ich mich eine Weile sehr einverstanden. Plötzlich meldete sich aber ein enorm heftiges Gefühl, welches das Gegenteil verlangte. Es war so stark, dass ich überhaupt nicht anders konnte, als auf den Markt zu fahren. Das Ergebnis war: Null Einnahmen und unnötige Unkosten. Ich begreife das nicht und bin mir total unsicher, wie weit ich meinen Gefühlen trauen kann und soll.

Außerdem bin ich total niedergeschlagen wegen des Ergebnisses. Ich habe inzwischen das Gefühl, mich auf einem sinkenden Schiff zu befinden. Bitte sage mir, was da los war heute Morgen und überhaupt.

Heute Morgen war der Fall eindeutig: Du hast dich einerseits ganz richtig verhalten, indem du auf das stärkere von deinen Gefühlen gehört hast. Andererseits aber auch wieder nicht: Bei etwas mehr Besinnung oder Übung in diesen Dingen hättest du merken können, dass das stärkere Gefühl nichts anderes gewesen ist, als die Stimme deiner Angst. Sieh dir mal den zweiten Teil deiner Frage an: Du leidest unter der finanziellen Krise, durch die ihr hindurch müsst, und du willst das Ruder ständig herumwerfen. Immer wieder träumst du von fantastischen Umsätzen, die du dir vom Sommer versprichst, und du meinst, der Sommer könnte doch schon langsam mal angefangen haben.

Sei vorsichtig mit diesen Hoffnungen. Du wirst zwar auf manchen Märkten an manchen Tagen schöne Umsätze machen, aber vergiss nicht, dass das auch höhere Kosten mit sich bringt. Die Lösung liegt auch im Sommergeschäft nicht, wenngleich nichts dagegen spricht es nach Kräften zu nutzen.

Die Lösung liegt in dem, was ich euch schon geraten habe: In der richtigen Verteilung eurer Energien. Darin, Dinge zu tun, die Kraft bringen, nicht Kraft kosten. Der heutige Tag muss dir das doch deutlich gezeigt haben. Das finanzielle Ergebnis war Null. Auf der Soll-Seite stehen aber angeschlagene Nerven, Mutlosigkeit, Trauer, verstärkte Angstgefühle und außerdem nicht erledigte Arbeiten, die auf dich gewartet haben.

Hast du nicht gestern Abend gespürt, wie viel Kraft dir das Land noch immer geben kann? Welchen Gewinn hättest du aus einem Vormittag auf dem Land ziehen können! Von den Unkosten, die dieses blinde Vertrauen in die Einflüsterungen deiner Angst gemacht hat, ganz zu schweigen.

Ich habe dir geraten, jeden Morgen intuitiv zu entscheiden, ob du einen Markt machen willst oder nicht. Heute Morgen hatte die richtige Stimme dir das Richtige geraten. Merke: Die erste Eingebung ist meistens die richtige!

Zum sinkenden Schiff einmal ganz grundsätzlich: Es sinkt nicht! Nur den Kurs kannst du zurzeit nicht bestimmen. Du kennst ihn nicht einmal. DAS macht dir Angst. Letztes Jahr habt ihr voller Vertrauen in eure Entscheidung Markt gemacht. Etwas anderes wäre euch gar nicht in den Sinn gekommen und wenig hätte ich erreicht, wenn ich euch davon abgeraten hätte. Jetzt wisst ihr inzwischen, dass der Markt – jedenfalls so wie ihr ihn gestaltet habt – eure Zukunft nicht sein kann. Deshalb seid ihr offen für das, was sich anbietet. Das könnt ihr aber nur, wenn ihr eure Kräfte richtig verteilt.

Voller Angst um die Sous auf die Märkte zu rennen und sich dort seelisch fertig machen zu lassen, ist mit Sicherheit nicht die Lösung. Arbeitet, wenn dein Gefühl sich an einem Tag gegen das Marktmachen ausgesprochen hat, auf dem Land, in eurem Garten oder im Haus. Oder tut etwas anderes, wenn ihr dazu eine Neigung verspürt. In jedem Fall wird euch das stärken und das macht euch offen und empfangsbereit, wenn „die Lösung kommt“.

Entscheid von nun an jeden Morgen neu, ob du fahren willst oder nicht und versuche, die ERSTE Eingebung zu erspüren, bevor alle Seiten von dir anfangen auf dich einzureden.

Das Boot sinkt nicht, aber das muss natürlich nicht heißen, dass alles schön gemütlich nach deinem Wunsch geht. Indem du dich auf mich eingelassen hast, hast du das Abenteuer „Gott“ gewählt. Dann musst du dich aber auch wirklich auf mich einlassen und nicht ständig versuchen, die Dinge alleine meistern zu wollen. Ich will gewiss nicht, dass es euch schlecht geht, aber solange ihr mir nicht wirklich vertraut, kann es euch natürlich auch nicht gut gehen.

Immer wenn dieser Satz kommt weiß ich, dass er natürlich stimmt. Aber ich weiß nie, was ich nun tatsächlich dazu tun kann!? Soll ich denn mit allen Märkten aufhören und nur noch auf dem Land arbeiten?

Rät dir deine innere Stimme das zu tun?

Nein. Sie rät mir, wie du schon sagtest, behutsam mit den Märkten fortzufahren, abzuwarten und Kräfte zu sammeln.

Eben. Loslassen heißt nicht, blinden Vertrauens in einen Abgrund zu springen. Das wäre Torheit. Richtig gehandelt wird, wenn eine Entscheidung in innerem Frieden getroffen wird und vor allem, wenn sie innerlich „einstimmig“ war. Es gibt so viele „innere Stimmen“ und nicht alle raten zum Guten.

Vertrauen in mich zeigst du, wenn du keine Angst mehr empfindest. Wenn du dich ängstigst, vertraust du mir nicht.

Wenn du sicher sein willst, finanziell immer abgesichert zu sein, dann hättest du in Deutschland bei deinem Job bleiben müssen. Auf jeden Fall hättest du niemals Markt machen dürfen. Wenn du dir sicher sein willst, dass deine übrige materielle Welt immer schön unerschütterlich dasteht, so wie sich das der Kleinbürger wünscht, der das Risiko scheut, dann musst du schleunigst einen anderen Weg eingeschlagen: Mich verlassen und die Augen nach sicheren Existenzmöglichkeiten aufhalten.

Ich sage dir: Wenn du materielle Sicherheit als das höhere Gut betrachtest, kannst du nicht an mich glauben. Wer aber an mich glaubt, den kann ich reich beschenken – auch mit materiellen Gütern.

Manchmal denke ich mir: Wenn ich alleine wäre, hätte ich weniger Sorgen darum, meine materielle Welt abzusichern. So aber quält mich immer die Sorge um die Familie, für die ich mich verantwortlich fühle.

Das redest du dir ein. Alleine wärst du nie dahin gekommen, wo du jetzt bist (Monika allerdings auch nicht). Deine Verantwortung der Familie gegenüber verlangt von dir: LOSZULASSEN von deinen kleinbürgerlichen Idealen! Du kannst nicht zwei Welten mit beiden Armen festhalten wollen. Rechts die Welt der materiellen Sicherheiten, die „alte“ Welt, links die der geistigen Ideale. Wärest du materiell abgesichert, du würdest zu schlimmsten Kleinbürger verkümmern oder sonst irgendwie untergehen. In jedem Fall aber würdest du ich schon nach allerkürzester Zeit schrecklich langweilen, denn es ist deine Sache nicht, ein solches Leben zu leben. Dazu bist du nicht auf der Welt.

Du hast andere Aufgaben zu erfüllen und du stehst noch immer an deinem inneren Wendepunkt, gehst vor und zurück, bist mutig und hast dann wieder Angst vor der eigenen Courage. So wirst du aber nicht weit kommen.

Vertraue mir! Geh auf den Markt, wenn es das ist, was du morgens wirklich willst. Und widme dich anderen Arbeiten, wenn deine innere Stimme dir vom Markt abrät. Ob draußen die Sonne scheint oder gerade der Monatserste ist oder ob sonst ein sachlicher Grund für oder gegen einen Markt zu sprechen scheint, das solltest du möglichst außer Betracht lassen. Du musst es innerlich wollen, dann ist der Tag gut verbracht.

Großes leisten kannst du nur, wenn dein Geist sich frei entfalten kann. Dazu musst du aber den Käfig deiner kleinbürgerlichen Ideale öffnen, musst die Hüllen von Angst und Zweifel abwerfen, die ihn noch immer umschatten. Großes leisten kann nur der Geist. Vergiss das nicht!

Rede dir nicht ein, du habest Verantwortung für „deine“ Familie zu tragen. Auch das ist kleinbürgerlicher Unsinn. Die Familie besteht aus drei eigenverantwortlichen, großartigen Menschen. Du bist nicht für Monika verantwortlich und für Florian nur insoweit, als dass er als Kind noch nicht für sich selbst sorgen kann. Jeder von euch ist aber verantwortlich dafür – und zwar mir gegenüber – dass er alles tut, um seinen Geist freie Entfaltung zu ermöglichen. Das ist eine der Möglichkeiten, für die ihr mit eurem Abbruch in Deutschland den Grundstein gelegt habt.

Übrigens: Vergesst nie, dass ihr alle Möglichkeiten der Wahl habt. Niemals habe ich gesagt, dass ihr nur in Frankreich oder nur in der Bretagne zu euren Zielen kommen werdet. Fühlt euch nicht etwa an irgendetwas gebunden, wenn etwas euch sagt, dass es an der Zeit ist, etwas anderes zu wagen. Ich weiß, das hört sich geheimnisvoll an, soll es aber gar nicht sein. Ich wollte das nur noch einmal in Erinnerung gerufen habe.

Tatsächlich aber ist es jetzt nicht mehr so sehr eine praktische Entscheidung, die die Dinge in Fluss bringt, sondern die Freiheit, die ihr eurem Geiste lasst.

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