Dialog 269

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Solange ihr euch bei den Händen nehmt und mir vertraut, auch in den dunkelsten Stunden eures Lebens, solange wird niemand von euch, auch Florian nicht, wirklichen Schaden nehmen können.

Dialog 269 – 14.06.1987

Monika:
Du sagst wir müssten unsere alten Kleider ablegen. Ich fühle mich schon so nackt und entdecke immer neue alte Kleider. Mir wird immer deutlicher, dass ich oft gar nicht sehe, wo ich noch in der alten Welt bin oder wo ich nicht loslasse.

Heute aber ist mir klar geworden, dass die Zeit gekommen ist von Les Temps Nouveaux (LTN) Abschied zu nehmen. Damit meine ich den Verein, der uns beiden bisher nur zu eigenützigen Zwecken gedient hat. Es erschreckt mich, wie blind ich meinen wirklichen Motiven gegenüber war und bin. Die ganze Zeit über habe ich mich gefragt, warum ich nicht auf unser Land gehe. Und heute habe ich den Verdacht, dass ich das Stück Land bisher nur dazu benutzt habe, um diese hohle Puppe LTN zu füllen und zum Leben zu erwecken.

Es tut weh, LTN sterben zu sehen. Und noch schmerzhafter ist es sich einzugestehen, dass LTN nie gelebt hat, dass ich eine wunderbare Idee zum Aufbau meines Egos missbraucht habe. Ich schäme mich so, dass ich das nicht einmal gemerkt habe. Mein Bedürfnis nach Anerkennung hat mich völlig blind gemacht. Die Vorstellung, allen Mitgliedern und Freunden von LTN zu schreiben, dass es LTN nicht wirklich gibt, dass es ein Irrtum war, diese Vorstellung kostet mich Überwindung. Wieder einmal stehe ich nicht gut da! Warum nur ist es für mich, vor den Anderen gut dazustehen? Warum ist mir das nicht egal. Es ist doch überhaupt nicht wichtig, was andere von mir denken?

Ich fühle, dass ich diesen Schritt jetzt gehen muss, um wirklich von LTN loslassen zu können. Aber es widerstrebt mir, LTN als Idee sterben zu lassen. Ich möchte sie als Ziel erhalten, in das ich hineinwachsen kann, in meinem Tempo, ohne das Gefühl zu haben, über das was ich tue oder nicht tue Rechenschaft gegenüber Mitgliedern und dergleichen ablegen zu müssen. Der Verein war wichtig, doch mit Rebeccas Ausscheiden hätte er sterben müssen. Jedenfalls als strukturierte Form.

Weil ich mir aber selbst nicht mehr über den Weg traue, bitte ich dich es mir zu sagen, falls ich wieder auf dem Holzweg bin.

Ich merke auch, dass der gleiche Mechanismus hier bei der Arbeit im Garten eingesetzt hat. Ich fühle mich von den Nachbarn beobachtet und beurteilt, kann nicht mehr unterscheiden, ob der Zeitpunkt, zu dem ich im Garten arbeite, aus einem inneren Bedürfnis von mir gewählt wurde oder um vor den Augen der Nachbarn zu bestehen. Oder gar, weil ich vor unserem Land und der Aufgabe dort die Flucht ergreife. Bitte hilf mir das zu klären.

Was unser Land betrifft, so fühle ich, dass ich da von vorne anfangen muss, und zwar ausschließlich mit der Absicht etwas für dieses Stück Land zu tun. Gleichzeitig aber komme ich nicht gegen die Gedanken an, alles was auf dem Land passiert daraufhin zu untersuchen, was es uns bringt. Unsere existenziellen Probleme schieben sich immer wieder so in den Vordergrund, dass ich mich nicht wirklich frei für den Dienst an dem Land entscheiden kann.

Unsere Existenz steht inzwischen auf so morschen und wackeligen Beinen, dass nur ein Wunder, also du, uns retten kann. Um Florians Willen, der etwas Stabilität braucht, bitte ich dich, lass dieses Wunder geschehen. Hilf mir, in deine Arme zu sinken. Und wenn ich immer noch irgendwelche Lumpen tragen sollte, die ich nicht sehe, dann bitte zeige sie mir und ich werde sie gerne ausziehen, auch wenn es weh tut.

Das ist eine sehr wichtige Einsicht zu der du da gekommen bist. Und auch sie gehört zu den Dingen, die ich euch niemals hätte sagen können, weil völliges Unverständnis die Antwort gewesen wäre. LTN hat niemals wirklich gelebt und das, was ihr als LTN gesehen habt, war eine Hülle für eure persönlichen Bedürfnisse. Von diesem LTN Abschied zu nehmen ist nun wirklich höchste Zeit.

Aber es gibt noch ein anders LTN. Eines das seine Chance noch gar nicht gehabt und ständig im Verborgenen geblüht hat. DEM kannst du dich nun zuwenden, denn es wird keine Hülle sein, sondern ein lebendiges Wesen, das mit euch wachsen kann und mit dem ihr eurerseits wachsen könnt. Allerdings werde ich euch dieses LTN nicht beschreiben. Wenn ihr es noch nicht sehen solltet, müsst ihr warten bis es soweit ist. So wie ja auch die leere Hülle des Vereins LTN erst einmal gesehen werden musste.

Jedenfalls gibt es keinen Grund Mitgliedern oder Freunden gegenüber Rechenschaft abzulegen und LTN Abschiedsbriefe zu schreiben. Ihr habt ja nichts Unrechtes getan, sondern ihr seid ein Stück weiter gewachsen, womit auch LTN ein Stück realer geworden ist.

Betrachtet das was gerade geschieht also eher als eine Art „fließender Übergang“, denn als einen Bruch. Findet das wirklich LTN, das in euren Herzen herangewachsen ist und nichts Eigennütziges kennt.

Wenn ihr dann noch die Schwelle überschritten habt, die euch zur Zeit so unüberwindbar zu sein scheint, die Schwelle eurer materiellen Sorgen, wenn ihr die Angst abgeschüttelt habt, die euch zu würgen scheint, dann wird dieses wirkliche LTN wachsen und blühen können. Und es wird schön und stabil in die ganze Welt hineinragen und angeschlossen sein an die Schwingungen und Wellen der universalen Kraft. Im Augenblick trennt ihr das alles noch widernatürlich: Hier die materielle Welt plus Sorgen – und dort ganz hinten im Nebel der Erwartungen und Träume so eine Idee namens LTN, von der man nicht weiß, was man eigentlich so richtig mit ihr anfangen soll.

So zurückhaltend ich mit Zukunftsvoraussagen bekanntlich bin, so will ich hier doch einmal ankündigen, dass der Tag kommen wird, wo LTN, ihr und ich eines sind. Und wo Fragen, die ihr mir stellt nicht mehr von Hilflosigkeit und Angst gekennzeichnet sein werden. Es wird euch um ganz andere Dinge gehen und ich werde ganz andere Antworten geben können. Bis dahin ist aber noch ein weites Stück Weg zu gehen – und damit komme ich auf den letzten Teil deiner Bitte: Die Sache mit dem Wunder.

Was immer du dir darunter vorstellst – ich kann dazu nur eines sagen: Erst wenn es dir wirklich gelungen ist, wie du schreibst „in meine Arme zu sinken“, erst dann wird ein Wunder geschehen können – aber dann bedarf es wiederum keins Wunders mehr. So ist das.

Durch den Albtraum müsst ihr euch (mit meiner Hilfe immerhin) hindurchträumen, mit Florian an eurer Seite, das ist nun einmal so. Nach dem Aufwachen werdet ihr erkennen, dass es wirklich nichts anderes als ein wüster Traum gewesen ist. Und die Erleichterung darüber wird so groß sein, dass sie alle Wunden heilt, die euch diese Reise möglicherweise geschlagen hat.

Natürlich bekommt Florian Stabilität besser als Instabilität. Aber die Stabilität einer kleinen Familie in einem kleinen Häuschen ist nicht wirklich Stabilität. Nicht solange ihr vor Angst nicht ein noch aus wisst. IHR MÜSST DIE ANGST ÜBERWINDEN, das ist der einzige Weg, den ihr gehen könnt. Und sorgt euch nicht: Solange ihr euch bei den Händen nehmt und mir vertraut, auch in den dunkelsten Stunden eures Lebens, solange wird niemand von euch, auch Florian nicht, wirklichen Schaden nehmen können.

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