Dialog 274

Reifendes-Korn

Man kann sich nicht entschließen sich anheimzustellen. Man kann sich nicht willentlich fallen lassen, das habt ihr ja schon gemerkt. Man muss es erkämpfen. Man muss sehr schwer darum ringen. Und es ist außerdem ein gefährlicher Kampf, den man ohne weiteres auch verlieren kann.

Dialog 274 -18.07.1987

Jörg:
Dieser „Unfall“ heute Morgen hat mich sehr erschreckt und beschäftigt. Ich denke, dass er mir etwas sagen wir, bin mir aber nicht sicher was. Es wirkte auf ich wie ein gewaltsamer Einschnitt. Vielleicht soll ich etwas ändern?

Es wäre gut, wenn du das tätest. Es sind nicht so sehr schlechte Angewohnheiten, die du ablegen müsstest. Du täuscht dich nur selber, wenn du auf so etwas zu viel Aufmerksamkeit richtest. Es ist aber etwas an deinem Leben, das nach Änderung geradezu schreit. „Schlechte Angewohnheiten“ sind nur Ausdrucksformen dafür, dass du dich bisher taub stellst.

Also: Lenke dich nicht damit ab, dass du jetzt beispielsweise den Alkohol zum Fein erklärst und deine ganze Aufmerksamkeit darauf verschwendest ihn absetzen zu wollen. Das sind nur Äußerlichkeiten und nicht der Kern der Sache.

Was ist denn der Kern der Sache? Solange ich den nicht sehe, kann ich doch nichts machen.

Natürlich nicht. Aber es ist ein Unterschied, ob man ihn sehen WILL oder ob man das nur behauptet und in Wahrheit die Augen zukneift.

Du bewegst dich sehr nahe an sehr wichtigen Einsichten, zugleich aber bist du so vernagelt wie noch nie in deinem Leben. Sagen wir mal, eine Instanz in dir erkennt, dass sie in Gefahr ist, weil du dem Wissen sehr nahe zu kommen beginnst. Und diese Instanz arbeite mit aller Kraft gegen jede Weiterentwicklung auf diesem Gebiet.

Du musst wissen WOLLEN, und dieses Wollen darf natürlich nicht aus deinem Kopf kommen. Nochmal: Glaube nicht, indem du eine schlechte Angewohnheit bekämpfst, wärest du einen Schritt weiter gekommen. Lieber bist du mir, wenn du dich ehrlich bemühst zu VERSTEHEN, auch wenn du dir gleichzeitig immer wieder den Kopf voll Alkohol gießen musst, weil die Angst so groß ist, als wenn du deine Aufmerksamkeit an den Alkohol und seinen Entzug verschwenden würdest. Dann hätte die bewusste Instanz in dir einen schönen Doppelsieg davongetragen: Erst lenkt sie dich mit dem Alkohol ab und dann auch noch mit dem „Kopf“ dagegen.

Denke an den Satz in einem von Castanedas Büchern: Sich etwas zu versagen ist die schlimmste Art des sich Gehenlassen. Wohlgemerkt, das gilt nur für die Menschen, die sich auf einem Weg zum Verstehen befinden. Nicht für die, die nichts bewirken und zum Beispiel Alkohol nur stumpf in sich hineingießen.

Natürlich soll das alles nicht etwa heißen, dass Alkohol gut für dich wäre oder dass ich dir gar einen Freibrief zum Saufen ausstellen würde! Selbstverständlich ist er Gift, vor allem in den Mengen, die du trinkst. Aber du bist im Kampf und er ist einer deiner Feinde. Doch ist er nur der Schatten deines wirklichen Feindes. Er hat keine Gestalt. Dein wirklicher Feind heißt anders und erhält sich im Dunkeln versteckt. Das weißt du und das ängstigt dich. Und so neigst du dazu, dich dem Alkohol ZU ERGEBEN.

Zum Beispiel hat dir dein kleiner Unfall heute Morgen unter anderem sagen wollen: Stopp, denk einmal nach was da mit dir passiert!

Was du richtig machst ist, dass du dich immer wieder extremen Situationen aussetzt. Zurzeit wäre nichts tödlicher für dich als ein allzu geregeltes Leben. Zwar sorge ich schon dafür, dass euer Leben nicht allzu geregelt verläuft, wie ihr ja schon gemerkt haben dürftet, aber für dich habe ich noch einige Spezialitäten bereit, um es einmal so auszudrücken. Du muss mehr leisten, wirst ganz alleine deinen ganz persönlichen Kampf ausfechten müssen, wenn du zum Wissen vordringen willst. Monika kann dich dabei zwar stützen, aber auch sie kann nicht für dich kämpfen. Außerdem hat sie ihren eigenen Weg zu gehen.

Ich habe dir zum Beispiel Marie nicht ohne Grund über den Weg geführt. Welchen Grund das im Einzelnen hat, sage ich jetzt noch nicht, denn ist ja gerade die Auseinandersetzung mit einem Ereignis, wie dein dicker Daumen es heute Morgen war, die in deinem Leben einen Einschnitt bedeutet. Aber was das im Einzelnen zu bedeuten hat, das wirst du, werdet ihr, selber herausfinden müssen.

Ich würde gerne noch etwas zu dem Geld sagen, dass vorgestern gekommen ist. Es ist schwer zu beschreiben und betrifft das berühmte „Vertrauen haben“.

Da war also einmal der Termin gewesen, an dem die Bank ihr Geld zurückfordern wollte, der 15.7. also. Da war auch die Vorstellung, eventuell im nächsten Monat nicht einmal mehr die Miete bezahlen zu können. Von anderen Vorstellungen ganz zu schweigen.

Ich erinnere mich, dass ich in einen ganz eigenartigen Zustand geraten bin: Es war eigentlich fast wie damals im Kasselgrund (unser letzter Wohnort von dem aus wir nach Frankreich aufgebrochen waren, Anm. von Monika):
Ich war irgendwie völlig ruhig, wenn auch zugleich verzweifelt und traurig. Beides war da, doch die Ruhe war stärker. Ich hatte in diesen Zeiten nie bewusst an dich und an „Vertrauen haben“ gedacht, aber ich glaube, ich hatte Vertrauen. Es lief aber überhaupt nicht über den Kopf ab. Ich habe mir also nie gesagt, er wird uns schon helfen, wir müssen nur Vertrauen haben usw. Ich glaube, ich hatte es einfach – bei aller Angst.

Ich hatte aber kein Vertrauen darin, dass wir das Geld in letzter Sekunde doch noch bekommen würde, sondern irgendwie war es ein Vertrauen darin, dass alles so schon seinen richtigen Weg geht. Ja, ich glaube, ich habe mich ohne es zu merken anheimgestellt. Das wird mir jetzt erst so richtig klar.

Genau das ist es, Jörg! Ganz genau! Dazu seid ihr aus Deutschland aufgebrochen. Das war das, was ihr lernen wolltet – und lernen müsst! Und daran arbeitet ihr gerade.

Man kann sich nicht entschließen sich anheimzustellen. Man kann sich nicht willentlich fallen lassen, das habt ihr ja schon gemerkt. Man muss es erkämpfen. Man muss sehr schwer darum ringen. Und es ist außerdem ein gefährlicher Kampf, den man ohne weiteres auch verlieren kann. Wer zu früh loslässt oder zu spät, jedenfalls im falschen Augenblick, der kann tatsächlich stürzen! In die Bewusstlosigkeit. Ins Dunkel zurück. Er muss wieder von vorne anfangen.

Auffangen kann ich nur den, der mich auch sieht. Der in Harmonie mit mir ist. Und das bedeutet: Der trotz aller Angst, die ihm äußere Umstände machen, innerlich im Friede mit mir ist! Das ist genau das, was du erlebt hast.

Sie sind teuer bezahlt diese Lernschritte. Sie kosten euch viel, ich weiß, aber sie sind unumgänglich.

Deine innere Ruhe vor dem 15.7. sagte dir, dass es gar nicht um das Geld geht, auch wenn das der ganze  Anlass des Lernens war. Ein Feind hatte sich vor dir in gewaltiger Größe aufgebaut und du hast einfach durch ihn hindurchgeschaut. Das war eine sehr gute Leistung!

Du weißt aber auch, dass es damit noch lange nicht zu Ende ist. Der nächste Feind ist schon in die Bresche gesprungen. Und der heißt Leichtsinn! Ihr dürft nämlich jetzt nicht meinen, es würde immer alles „wie von selber“ sich auflösen! Das tut es gewiss nicht. Das nächste Mal könnten sich die Dinge anders entwickeln, je nachdem was ihr dann gerade lernen müsst. Aber dennoch ist sicher:

Das, was ihr dieses Mal gelernt habt, das geht euch nie mehr verloren!
Es war, vor allem für dich, ein echter Schritt gewesen. Das nächste Mal hast du diesen Pluspunkt zur Verfügung. Du wirst besser und stärker reagieren können. Und wenn du das nächste Mal wieder gewinnst noch besser und noch stärker und so weiter. Das alles wird dein Leben verändern.

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