Dialog 307

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Dialog 307 – 29.11.1987

Jörg:
Wir befinden uns noch immer im Nebel und die Fahrt geht weiter. Soweit ich die Dinge überblicken kann, haben wir jetzt finanziell gesehen die Schwelle überschritten, ab der schon alleine für uns und unsere Existenz hier ein Wunder geschehen MUSS. Obwohl es ja fast schon ein Wunder ist, dass die Bank uns nicht längst aufs Dach gestiegen ist.

Aber so langsam scheint sich der Drache vom Schlaf zu erheben, sich strecken und zu räkeln und nach uns Ausschau zu halten. Jetzt trudeln sie ein die überfälligen Rechnungen. Der Himmel mag wissen, wie wir sie bezahlen sollen. Dabei bilden doch nur die Spitze des Eisberges!

Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich eine solche Situation überhaupt würde ertragen können. Ohne deine Hilfe könnte ich das auch nicht. Wenn auch mein Glaube und mein Vertrauen noch immer nicht die volle Kraft entwickelt haben – es reicht doch bereits aus, um unter der Last nicht zusammenzubrechen. Und so gibt es zurzeit nur zwei Refugien, in die ich mich zuweilen zurückziehen kann, um etwas Kraft zu schöpfen und warmen Sonnenschein in mich einzulassen: Das eine ist der Schlaf. Ich schlafe so tief und fest und offenbar traumlos wie noch nie. Zeichen dafür wie leergebrannt die inneren Batterien offenbar sind.

Das andere sind die Tagträume. Wenn ich die nicht hätte! Wenigstens einmal am Tag drücke ich auf den Knopf meiner inneren Möglichkeiten und wechsle für einige Minuten die Realitäten. Dann lebe ich mit Monika und unserem Sohn schulden- und sorgenfrei in unserem Haus in Riec und erlaube mir die schönste Pläne und Ideen. Ich schwelge im Haben anstatt im Soll zu leiden, und das tut verdammt nochmal ungeheuer gut!

Man darf es nur nicht zu lange machen. Einige Minuten intensiv vom Wunder geträumt und dann muss es zurückgehen in die andere Wirklichkeit, sonst geht man in seinem Wunderland ganz schnell verloren und die Rückkehr wird schmerzhaft und äußerst unangenehm. Man muss die Fähigkeit zu träumen nutzen, aber man darf ihr nicht verfallen.

Träume haben so viel Kraft wie jeder andere Gedanke. Man muss sie steuern lernen, muss sie zähmen wie ein Raubtier. Dann, glaube ich, lässt sich wirklich Großartiges mit ihnen anstellen.

Wieso haben Tagträume nur so einen schlechten Ruf? „Du bist ja ein Träumer!“ Das war, wenn es von meinen Eltern ausgesprochen wurde, ein schlimmer Vorwurf. War ein Hinweis auf Lebensuntüchtigkeit, wie mein Vater es nannte. Was würde er sagen, wenn er wüsste, dass Träume so real sein können wie scharf geschmiedete Waffen? Man muss nur lernen sie ernst zu nehmen und sich in ihrem Gebrauch üben.

Ich habe fast mein ganzes bisheriges Leben gebraucht um das herauszufinden. Erst in den letzten Monaten hier ist mir die wunderbare Kraft der Träume überhaupt bewusst geworden. Aber für Erkenntnisse ist bekanntlich nie zu spät, deshalb werde ich mich von nun an aufmerksamer mit dieser Form des positiven Denkens beschäftigen.

Das ist wirklich eine wesentliche Erkenntnis, die du da gewonnen hast! Tatsächlich sind Träume so kraftvoll wie jeder andere Gedanke. Es handelt sich ja auch um Gedanken, nur um Gedanken einer bestimmten Kategorie.

Welche Gefahren darin liegen, hast du ja schon erkannt: Man kann sich in Träumen verlieren und das ist wirklich schlimm. Es ist wie die Abwesenheit in einem Rauschgifttrip. Man ist ausgeliefert und macht die Reise wie in der Gondel einer Achterbahn.

Um richtig zu träumen bedarf es eines starken Glaubens und vor allem Willenskraft. Von beiden hast du eben gerade genug entwickelt, um mit dem Träumen anfangen zu dürfen. Aber ich warne dich! Träumen und Träumen ist nicht dasselbe!

Richtig träumen heißt die Wirklichkeit zu durchdringen, heißt Wunder zu vollbringen, ist die Pforte zur Magie. Falsch träumen ist das, was dein Vater gemeint hat, der sich unter Träumen nur die eine Seite vorstellen konnte: Man geht einfach verloren, ist dem Leben willenlos ausgeliefert. Insofern ist das Wort von der Lebensuntüchtigkeit gar nicht so verkehrt gewesen.

Dir ist das Träumen wirklich ausgesprochen gegeben. Es ist ein Weg für dich und es hat lange gedauert, bis du das erkannt hast, bis du den wirklichen Wert des Träumens erkannt hast. Aber erwarte jetzt keine Wunder davon. Du fängst gerade erst an. Und vor allen Dingen: Halte das nicht für einen Freibrief, dich jetzt wann immer du willst „davonstehlen“ zu können. Wer das Träumen erlernen und anwenden will, der klopft an die Pforte der Magie und mit der ist nicht zu spaßen.

Zu unserer Situation: Noch nie war uns unklarer was wir eigentlich wollen als jetzt. In dieser Lage scheint es mir am sinnvollsten zu sein, mich irgendwo anstellen zu lassen, um erst einmal wieder klarzukommen. Ist das richtig gedacht?

Natürlich. Alles ist richtig gedacht, was ihr tut. Ihr mögt euch wie im Nebel fühlen, hilf- und orientierungslos. Aber in Wirklichkeit geht ihr Schritt für Schritt genau den richtigen Weg! Das ist wirklich lustig zu beobachten. Der Nebel von dem du die ganze Zeit redest, existiert überhaupt nicht, aber ihr tappt wie zwei Blinde durch die Gegend – und doch ist jeder Schritt der richtige!

Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Wichtig ist zur Zeit vor allem eines: Kommt euch so nah wie ihr nur irgend könnt. Lasst den anderen Teil von euch werden und umgekehrt. Jeder von euch hat erstaunliche Fähigkeiten erworben auf diesem Weg bisher. Und zwar auf allen Ebenen: Seelisch, körperlich und geistig! Zieht euch nicht in euch zurück. Duldet keine Mauern zwischen euch!

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