Dialog 316

Schneegloeckchen_120446

Nur wer seine Sache gefunden hat, kann sich entwickeln. Denn erst unter diesen günstigsten aller Wachstumsbedingungen kann sich die innere Blume des geistigen Reichtums in voller Pracht entfalten. Jede Pflanze hat ihr natürliches Umfeld. In einem ihr fremden Klima unter ihr fremden Bedingungen kann sie nur mit künstlicher Hilfe wachsen. Wo aber für etwas so Natürliches wie das eigene Wachstum Energie von außen zugeführt werden muss, da stimmen die Grundlagen nicht mehr.

Dialog 316 – 22.12.1987

Jörg:
Wann immer ich schreibe, und wenn es nur ein paar Zeilen sind, dann merke ich, dass ich viel intensiver bin als sonst, viel gründlicher mit mir selber, viel ernsthafter. Alles ganz gut also. Aaaber: Ich kann einfach nicht anders als dem sofort eine Form zu geben. Doch sobald ich das tue, bleibe ich stecken. Die Form kommt bei mir immer vor dem Inhalt. Ich will ein Zelt aufstellen, ohne vorher das Gerüst zusammengesteckt zu haben. Das ist immer wieder dasselbe bei mir. Fange ich an, mir eine Handlung, einen Inhalt auszudenken, geht das prompt ebenfalls schief.

Ich glaube, bei mir muss sich der Inhalt im Wesentlichen wirklich aus sich selbst heraus entwickeln. So wie ich ja auch lebe, ohne dabei bewusst einem bestimmten Plan zu folgen. Ich kenne für mein Leben auch nichts anderes als allenfalls die „großen Linien“. Die „Handlung“ ergibt sich dann mehr oder weniger von selber.

Ich weiß nicht, ob man das auf das Schreiben übertragen kann, aber eines weiß ich: Wenn ich da nicht zu einer Lösung komme, werde ich NIE mehr als 2 bis 3 Seiten zusammenkriegen.

Genauso geht das mit dem Schreiben. Man muss die großen Linien kennen. Alles andere ergibt sich ganz natürlich aus sich selbst heraus. So wie du, wenn du einen Menschen beschreibst, ihn dir plastisch vorstellst, um zu sehen, wie er sich in dem einen oder anderen Fall verhalten würde, so würde sich auch die Handlung einer Geschichte ganz natürlich aus sich selbst heraus entwickeln. Sie bereits bis ins Detail festlegen zu wollen, wäre nicht nur wenig ratsam, es entspräche auch gar nicht deiner Art.

Ansonsten ist es aber auch möglich, ganz und gar aus sich selbst heraus anzufangen, nur wissend, dass die „großen Linien“ in einem vorhanden sind. Sie werden sich dann schon während der Arbeit erschließen. Viele Maler arbeiten auf diese Weise. Es ist wirklich Arbeit, ein sehr intensiver Prozess, denn man muss jedes Mal alles aus sich herausholen, um sehen zu können, was es gewesen ist, das heraus wollte.

Du bleibst jedes Mal sofort stecken, sagst du? Das ist, weil du einfach nicht genügend Selbstvertrauen und Disziplin hast, TROTZ solcher Schwierigkeiten weiterzuarbeiten! Wenn dein Auto mal im Dreck steckenbleiben sollte, steigst du dann auch einfach aus und gibst auf? Doch wohl kaum. Du setzt alles Denkbare in Bewegung um es freizubekommen. Das Auto nimmst du eben ernst. Dein Schreiben leider nicht. Und dabei ist es das, was wirklich die Welt verändern könnte! Hier liegt wahrhaftig deine einzige Bestimmung – und du siehst es nicht.

Exportgeschäft, Marktgeschäft, Heilpädagogik, das sind alle nicht deine wirklichen Bestimmungen. Und du wirst deshalb auch in keinem von diesen Bereichen jemals wirklich erfolgreich sein können. Für ein Exportgeschäft hast du zwar die Kreativität und den Weitblick, der unbedingt nötig ist, wenn aus einem solchen Geschäft ein gutes Geschäft werden soll. Doch du hast nicht die Sachlichkeit und schon gar nicht die Disziplin eines „geborenen“ Kaufmanns. Und die ist mindestens genauso wichtig. Mit Monika und am besten mit einem weiteren, kaufmännisch guten Partner wärst du ein guter Teampartner. Aber alleine hättest du bei so etwas keine Chance.

Als Heilpädagoge bist du auch nur zum Teil zu gebrauchen. Du hast wohl ein ungewöhnlich gutes Einfühlungsvermögen in die Seele eines behinderten Menschen. Aber du bist zu wenig bei der Sache. Es füllt dich nicht aus am Defizit zu arbeiten. Das ist es, was die herkömmliche Heilpädagogik dir immer wieder vorführen würde.

Mit dem Marktgeschäft hattest du eigentlich das Richtige getroffen. Es entspricht noch am allermeisten deiner Natur, auf diese Weise dein Geld zu verdienen: Frei, frei in jeder Hinsicht! Und obwohl es die bisher schwierigste Arbeit gewesen ist, der du nachgegangen bist, hast du sie am längsten ausgehalten. Und noch heute tut es dir Leid, diese Arbeit aufgeben zu müssen.

Nur: Auch um Markthändler sein zu wollen, bedarf es einer Grundlage an kaufmännischem Verständnis. Etwas, das den meisten deiner Kollegen „angeboren“ und so selbstverständlich ist, dass sie nicht einmal etwas davon wissen. Dir aber geht diese Seite völlig ab. Und das ist der wirkliche Grund dafür, dass ihr nicht erfolgreich sein konntet. Es stand nie die Selbstverständlichkeit, das Selbstbewusstsein eines Kaufmannes dahinter.

Eure Bekannten, die Schweinezüchter, erfüllen alle nötigen Voraussetzungen in hervorragender Weise. Allem voran aber steht für sie die Selbstverständlichkeit mit ihrem Geschäft erfolgreich sein zu wollen. Daraus ergibt sich alles andere ganz von selbst. Die gute Qualität der Ware, ihr verkäuferisches Geschick und so weiter. Das sind also nicht die Ursachen, sondern Begleiterscheinungen ihres Erfolges! Das wirfst du immer durcheinander.

Du wirst es, solange du alleine arbeitest, nie zu einem wirklich erfolgreichen Handel bringen. Dazu ist dir das gar nicht wichtig genug. Du vermittelst niemandem das Gefühl, dass du ihn dir unbedingt als Kunden wünschen würdest, auch wenn du noch so höflich und aufmerksam zu ihm bist. Du ziehst die Kunden nicht an, verstehst du? Ganz anders als eure Bekannten, die mit ihrem willen wie Magneten auf die Kunden wirken.

Dir ist der Handel einfach nicht wichtig genug. Und das ändert sich auch dann nicht, wenn dir das Wasser finanziell am Halse steht. Du verkaufst gleichmütig deine Pflanzen weiter, wo wie du es immer gemacht hast. Und verschwendest keinen Gedanken daran, aus diesem Geschäft durch die eine oder andere Änderung das Maximum herauszuholen. Ich meine, es ist an der Zeit, dass du dir das einmal ganz klar machst, denn es ist doch eine sehr wertvolle Einsicht.

Erfolgreich kann nur sein, wer an seiner eigenen Sache arbeitet! Wer zum Kaufmann geboren ist, der wird früher oder später auch auf diesem Feld landen. Und dann kann er gar nicht anders als erfolgreich zu sein. Wer zum Künstler geboren ist, der wird früher oder später zu dieser Bestimmung finden. Und erst dann wird er den Erfolg haben, der ihm beschieden war von Anbeginn.

Nur wer seine Sache gefunden hat, kann sich entwickeln. Denn erst unter diesen günstigsten aller Wachstumsbedingungen kann sich die innere Blume des geistigen Reichtums in voller Pracht entfalten. Jede Pflanze hat ihr natürliches Umfeld. In einem ihr fremden Klima unter ihr fremden Bedingungen kann sie nur mit künstlicher Hilfe wachsen. Wo aber für etwas so Natürliches wie das eigene Wachstum Energie von außen zugeführt werden muss, da stimmen die Grundlagen nicht mehr.

Als du dich für die Exportschule eingeschrieben hast, geschah das weniger aus Sicherheitsgründen (auch, aber nicht vorwiegend, und ein bisschen ist legitim) als aus Abenteuerlust. Etwas wie der internationale Handel hat das Format, das dir gefällt. Du weißt nicht warum, aber etwas zieht dich darin an. Dieses Etwas, ein Lieber, ist das Kreative, das Weite, das Risiko-Parfüm wichtiger Entscheidungen, der Duft des Erfolges. Du witterst in dieser Richtung etwa, das deiner Natur entspricht. Und weil du sozusagen keine bessere Idee hattest, hast du dich eben dort eingeschrieben. Du wirst, wie du eigentlich schon selbst weißt, auch in dieser Sache nicht das in Reinform finden, was du suchst. Aber es wäre auch keine unnütze Beschäftigung.

Was du eigentlich suchst, trägst du bereits in dir. Du hast alle Schätze selbst und brauchst gar nicht außerhalb zu suchen – und doch glaubst du es nicht. Du wirst (und auch das weißt du) schreiben müssen, früher oder später, wenn du dein Leben leben willst. Du kannst diesen heißen Brei solange umkreisen wie du willst, er wird niemals abkühlen, sondern immer heiß bleiben. Und eines Tages wirst du ihn essen müssen, auch wenn du dir anfangs daran die Lippen verbrennst.

Schreibe einen Kommentar