Dialog 330

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Ihr sollt euer Leben so führen, als würdet ihr durch einen fremden Garten gehen, in dem die wunderschönsten Sachen zu sehen sind: Blumen über Blumen in prachtvollen Anordnungen und herrlichen Farben, hier ein Teich, dort ein Busch, hier ein Schmetterling, dort eine Biene in einem Blütenkelch – und ihr geht langsam auf dem gewundenen Weg entlang und betrachtet Wunder über Wunder. Auch das Kleinste erscheint euch großartig, nichts ist schöner als das andere, sondern alles ist wunderbar!

Dialog 330 -04.02.1988

Monika:
Wir haben beide das Gefühl, dass wir zwar auf dem richtigen Weg sind, aber wir etwas Entscheidendes noch immer nicht gelernt haben, ohne genau sagen zu können, was das ist. Wenn ich von Frankreich träume, zum Beispiel, dann spüre ich genau, dass etwas fehlt in meinen Träumen. Ich orientiere mich viel zu sehr an konkreten Dingen, ohne dass diese Dinge falsch wären. Ich kann es nicht besser erklären. Könntest du uns noch etwas dazu sagen?

Und unsere Traurigkeit, hängt die auch damit zusammen?

Jörg:
Auch ich sehe Frankreich und den Süden immer nur in konkreten Bildern. Ich meine zu fühlen, dass wir dort eines Tages leben werden, aber nicht ob es bald oder nicht bald sein wird. Es kann auch nur ein Wunschgefühl sein, so ähnlich wie Wunschdenken.

Trotzdem sehe ich ständig eine bestimmte Landschaft vor mir. Und von der weiß ich mit sehr großer Sicherheit, dass sie in Südfrankreich liegt. Ich weiß selbst mit diesem Bild nichts anzufangen. Denn bisher habe ich noch nie etwas voraussehen können. Ist das also ein Wunschbild, das mich nur ablenkt?

Auch ich habe, wie Monika, das unbestimmte Gefühl, dass irgendetwas Entscheidendes bei uns noch fehlt. Und dass wir solange in Deutschland festsitzen werden, bis das Bild komplett ist. Manchmal glaube ich zu fühlen, dass wir den Deutschlandaufenthalt in Rekordzeit von ein paar Monaten hinter uns lassen. Aber gleichzeitig fühle ich eben auch, dass in dieser Zeit etwas ganz Entscheidendes bei uns und mit uns passieren muss. Ansonsten „sehe“ ich uns leider auch ewig dort festsitzen und verzweifelt an den Lippen nagend, wie jemand, der in einem Labyrinth ist und den Ausgang nicht finden kann (falls wir unser fehlendes Puzzleteil nicht finden). Denn dass wir nur zum Arbeiten und Geldverdienen nach Deutschland fahren, halte ich für ausgeschlossen. Es geht um irgendetwas anderes. Und auch das Geldverdienen werden wir erst dann schaffen, wenn alles sonst für uns stimmt.

Das alles macht mir halt etwas Kummer. Ich erwarte nicht, dass du uns jetzt sagst, was da fehlt. Aber deine Worte geben doch oft Hinweise auf die Richtung und vor allem geben sie Kraft. Bitte hilf uns da einen Schritt weiter!

Meine letzte Frage bezieht sich auf diese Todesahnungen, die ich jetzt wieder öfters habe. Und die fühlen sich leider ganz genau so an, wie andere Dinge, die dann wirklich eingetroffen sind.

Ich möchte dir das einfach mal übergeben, ohne eine bestimmte Frage dazu stellen zu wollen. Es wäre ja albern, jetzt wissen zu wollen, ob das stimmt oder nicht. Es beunruhigt mich auch nur insofern, als es mir Leid um meine Familie täte, wenn wir nicht mehr viel Zeit miteinander hätten. Mit dem Verhältnis zu meinem eigenen Tod habe ich mich wohl noch nicht richtig auseinandergesetzt. Jedenfalls fühle ich keine Angst oder so etwas. Nur Trauer, so als müsste ich gehen, ohne in diesem Leben wirklich „meine Sache“ gefunden zu haben.

Manchmal denke ich auch, dass ich ja nicht gerade wie jemand lebe, der gerne alt werden möchte. Fast, als würde ich dieser Ahnung entgegenkommen, als hätte ich es eilig oder so. Aber das finde ich entsetzlich! Wieso bringe ich nicht die Energie auf, mich mit dem Tod um das Leben zu prügeln, so dass er wirklich seine Last hätte es mir abzunehmen. Will sagen, kann es sein, dass ich nicht gerne lebe?

Und dann diese unerklärliche Traurigkeit. Ich habe das Gefühl, dass irgendetwas sehr Tiefes bei mir angerührt worden ist. Doch es muss wohl so tief liegen, dass ich keinen bewussten Zugang dazu habe.

Es stimmt ganz genau: Es fehlt wirklich noch etwas Entscheidendes und selbstverständlich kann ich euch nicht sagen, was das ist. Dass ihr so viele konkrete Bilder seht, ist ein Zeichen dafür, wie intensiv ihr euch Tag und Nacht mit dem fehlenden Teil auseinandersetzt. Und da wäre eine Übungsmöglichkeit für euch:

Es ist möglich, einen Hinwies über seine Träume zu erfahren. Und noch besser geht das, wenn ihr euch beide vornehmt, euch sozusagen gemeinsam auf die Suche zu machen. Das heißt praktisch, dass ihr euch abends bei den Händen nehmt und euch intensiv wünscht, in dieser Nacht eine Antwort zu bekommen. Dann schaut euch am nächsten Morgen eure Träume an.

Glaubt nur nicht, dass das gleich funktioniert. Erstens werdet ihr ständig vergessen, dass ihr euch das vornehmen wolltet (oder?) und zweitens werden sich eure Träume nur ungern festhalten lassen wollen. Am besten legt ihr Papier und Bleistift ans Bett und schreibst sofort nach dem Aufwachen in Stichworten auf, was ihr „gesehen“ habt. Natürlich auch, wenn ihr nachts durch einen Traum aufwachen solltet.

Ansonsten sage ich euch (wieder einmal), dass ihr nur gemeinsam ans Ziel kommen werdet. Je weiter ihr auseinander seid, umso unmöglicher wird es sein, das fehlende Teil zu finden. Je näher ihr zueinander findet umso größer ist die Wahrscheinlichkeit.

Macht daraus aber keine hektische Übung, indem ihr euch unter Druck setzt oder gar beschuldigt, wenn der eine wieder einmal weit abgetrieben ist und man ihn nicht erreichen kann. Dass ihr oft so weit auseinander seid liegt daran, dass jeder noch stark mit seinem eigenen „alten Leben“ verhaftet ist und das neue gemeinsame Leben noch nicht fertig ist. Oft zieht also Altes, Unerledigtes den einen oder anderen von euch von der Gemeinsamkeit weg in die Einsamkeit. Und von dort muss er alleine zurückfinden. Man kann ihn nicht herbeizerren. DAS – zum Beispiel – sind Momente der Traurigkeit.

Zu deinen Ahnungen und Gefühlen Jörg:
Du solltest diese Fähigkeiten in jedem Falle pflegen, indem du sie ernst nimmst und indem du dich bei allem möglichen, was irgendwie von Bedeutung für dich oder euch ist, immer wieder fragst, ob du ein solches „Gefühl“ dazu hast. Bei vertrautem Umgang damit wirst du merken, dass man auch mehr darin sehen kann, als dir das bis jetzt möglich ist.

Wenn du beispielsweise konkrete Bilder siehst, dann schiebe das nicht gleich zur Seite und sage nicht: „Das habe ich noch NIE gekonnt, also kann ich es auch jetzt nicht!“ Das ist Unsinn. Es tut dir doch nicht weh, dieses Bild einmal in dir aufleben zu lassen! Vielleicht siehst du ja noch mehr. Und wenn nicht, auch nicht schlimm.

Betrachte solche Bilder einfach so: Interessiert aber gleichmütig. Stürze dich nicht darauf, sondern nimm es einfach auf und bewahre es bei dir. Man soll solche Bilder, solange man noch keine Übung damit hat, nicht überwerten. Man soll sie aber auch nicht geringschätzen. In dem einen Fall verheddert man sich, in dem anderen macht man Entwicklungen unmöglich.

Ihr sollt euer Leben so führen, als würdet ihr durch einen fremden Garten gehen, in dem die wunderschönsten Sachen zu sehen sind: Blumen über Blumen in prachtvollen Anordnungen und herrlichen Farben, hier ein Teich, dort ein Busch, hier ein Schmetterling, dort eine Biene in einem Blütenkelch – und ihr geht langsam auf dem gewundenen Weg entlang und betrachtet Wunder über Wunder. Auch das Kleinste erscheint euch großartig, nichts ist schöner als das andere, sondern alles ist wunderbar!

In einem solchen Garten geht man einfach und staunt und betrachtet. Man nimmt Bilder auf und bewahrt sie bei sich. So solltet ihr es auch halten, wenn ihr in eurem Leben auf besondere Fähigkeiten stoßt: Sie einfach aufnehmen und aufbewahren. Nicht überbewerten und nicht geringschätzen.

Wenn du Todesahnungen hast, dann ist das eine Botschaft, die du entschlüsseln musst. Dein Tod will dir in diesem Falle etwas sagen und es ist immer eine Botschaft über das Leben.

Ob du gerne lebst oder nicht ist nicht die Frage. Was bei dir auffällt ist, dass du dich weit vorgewagt hast. Du bist neugierig und willst in das Land des Todes schauen, noch bevor du richtig gelebt hast. Du lebst schon sehr gerne, aber zugleich bist du bis an den Abgrund herangetreten, von dem aus es nicht mehr weiter geht in diesem Leben. Und der Tod übt große Faszination auf dich aus.

Das Leben will dich für sich und hat dir noch viel zu bieten. Und der Tod auf der anderen Seite lächelt dir zu und winkt. Auch er verspricht dir Wunder über Wunder. Beide haben sie Recht. Keiner lügt. Aber zunächst einmal bist du am Leben und es ist noch nicht zu Ende. Du befasst dich zu viel mit dem Tod. Es geht nicht darum, sich mit seinem Tod „auseinanderzusetzen“, wie du das ausdrückst. Es geht drum, dass du vom Leben nicht alle forderst!

Hier helfen keine Botschaften und auch keine Übungen. Ganz alleine musst du dich entscheiden! Helfen kann dir dabei nur ein Mensch und das ist Monika. Einsamkeit bedeutet für dich Gefahr, doch es ist sehr schwer zu erkennen, wann du einsam bist und wann du nur alleine sein möchtest. Aus einer Einsamkeit kann man niemanden herausreißen. Man kann nur zu im hinübergehen und bei ihm sein. Dann ist er nicht mehr einsam.

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