Dialog 62

Da ich mich eurer Gruppe aber direkt angenommen habe, können wir uns viele Umwege ersparen.

Dialog 62, 15.02.1986

Monika hat gestern an meinem Textentwurf für den zweiten Handzettel kein gutes Haar gelassen. Auch ich selber habe heute morgen, als ich es noch einmal gelesen habe, nur den Kopf schütteln können über den Stuss, den ich da zusammengeschrieben habe. Und was war das für eine Schwerstgeburt gewesen! Da hast du es mir aber wieder mal zeigen wollen, was?

Natürlich. Du Dickschädel verdienst es ja nicht anders. Setzt dich hin, stopfst dein Pfeifchen und meinst, du könntest mal eben so mit gewohnter Routine einen solchen Handzettel runterschreiben. Schon dass es so schwer ging, hätte dir eigentlich auffallen müssen. Solche Worte dürfen nicht mühsam aus dir herauskommen. Sie müssen fließen. Vielleicht nicht gerade sprudeln, aber fließen. Ein solcher Text muss sich mühelos schreiben lassen.

Monika hat völlig Recht: Warum stimmst ausgerechnet du dich nicht auf mich ein, wenn du eine Arbeit beginnst? Wenn du dich nicht auf mich einstimmst, kann ich in diesem Augenblick und bei dieser jeweiligen Arbeit auch nicht bei dir sein. Versuche es also das nächste Mal anders.

Ansonsten hat Monika deinen Textentwurf völlig klar als das gesehen, was er ist: Eines der Trümmerstücke aus deiner alten Welt, in denen du noch bis zu den Knien watest, und das du etwas geputzt und aufpoliert hast, um es uns als ein Stück der Neuen Welt zu verkaufen. Ausgezeichnet, Monika!

Du aber mach dir darüber keinesfalls Gedanken. Auch du musst deine alten Kleider erst nach und nach abwerfen, um in meinem Licht neu geboren werden zu können. Was du da gestern erlebt hast, war ein Teil davon. Dein Denken ist noch sehr weit in der alten Welt verwurzelt – wie könnte es auch anders sein – und diese Wurzeln müssen eine nach der anderen vorsichtig und sehr, sehr behutsam ausgegraben und in neuer Erde eingepflanzt werden, damit ich mein Licht scheinen lassen kann, um die Erde zu erwärmen, in der du neu wachsen und aufblühen sollst. Ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden mit dir, denn du hast gestern alles gegeben, was du geben konntest.

Manchmal bekomme ich Angst vor dem Tempo, in dem wir uns zur Zeit entwickeln. Da bleibt mir regelrecht die Luft weg. Oder um das Bild von dir zu gebrauchen: Ich komme mir vor, als wäre ich in alten Lumpen gekleidet und versehentlich auf einen prächtigen Ballempfang geraten. Kaum habe ich die Zeit, mit meiner eigenen persönlichen Veränderung Schritt zu halten, da eilen die äußeren Veränderung in noch viel größerem Tempo voran. Vereinsgründung, Haus, Veröffentlichungen allerorten, Gelder, Gäste, Stages …. oh, boy. Gestern war ich noch ein unbekannter Nobody, ein Ausländer in Frankreich, der sich so recht und schlecht durch schlägt und morgen richten sich vielleicht (nein: hoffentlich!) schon unzählige Augenpaare auf uns und diese neue Gemeinschaft. Das ist eigentlich nicht das, was ich unter harmonischem Wachstum verstehe.

Es gibt keinen Grund, unter einem „harmonischem Wachstum“ immer nur ein besonders langsames Wachstum zu verstehen. Hättet ihr euch zusammengefunden, um zwar in meinem Geiste, aber ohne meine direkte Führung eine Gemeinschaft zu gründen, wäre eure Entwicklung natürlich tatsächlich eine andere gewesen und ihr hättet viel mehr Zeit für alles gebraucht. Da ich mich eurer Gruppe aber direkt angenommen habe, können wir uns viele Umwege ersparen. Du musst deshalb keine Angst haben. Bisher hat deine Entwicklung mit meinem Tempo durchaus Schritt gehalten.

Aber die Findhorn Leute hast du auch direkt geführt und doch hatten sie viel mehr Zeit als wir.

Das stimmt doch gar nicht. Die Gründer Findhorns sind noch viel mehr als ihr von den Ereignissen überrollt worden. Auch ihnen ist manchmal, wie du sagst, „die Luft weggeblieben“. Das liest sich alles nur anders, weil die Bücher immer einen längeren Entwicklungszeitraum beschreiben, an dessen Ende man den Sinn mancher Dinge erkennen kann, die einem am Anfang Schwierigkeiten gemacht haben, weil man sie nicht verstehen konnte.

Wer einmal EURE Geschichte lesen wird, wird eure Entwicklung ähnlich faszinierend klar und gradlinig finden. Nein, es ist schon alles sehr gut so wie es ist. Lass es geschehen, dass ich euch führte und sei für dieses Wunder manchmal ruhig etwas dankbarer. 

© Monika Laube. Du darfst diesen Artikel zum persönlichen Gebrauch unverändert kopieren und weitergeben, vorausgesetzt dieser Copyright Hinweis steht am Ende des Dokumentes.  Für eine gewerbliche Nutzung nimm bitte Kontakt mit mir auf.

Schreibe einen Kommentar