Dialog 66

Es geht um Recht haben und weniger Recht haben. Ihr hackt aufeinander herum wie ein Schwarm Krähen. Das ist enttäuschend. Ihr müsst euch dabei allerdings immer vor Augen halten: Es ist eure Zeit, die ihr vertut, nicht meine!

Dialog 66, 18.02.1986

Ich hätte gerne einen Terminplan für die nächsten Tage. Haussuche und Hundehütte lassen sich schlecht zur selben Zeit durchführen. Und wer von mir verlangt, dass ich die Hundehütte bis Ende der Woche gebaut haben soll, der muss mir auch sagen können, wie das vor sich gehen soll. (Mein fachliches Urteil lautet übrigens: Die Zeit reicht nicht!)

Heute ist Hundehütten-Bautag. Und dein fachliches Urteil ist eine sehr unsichere Angelegenheit. Sieh doch erst einmal zu, wie weit du kommst! Ich gebe dir keinen Terminplan in diesen Dingen. Baue heute an der Hundehütte und heute Abend entscheiden wir für morgen.

Und das Haus? Ich werde unruhig, was das Haus betrifft. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass die Dinge sich im Moment zu langsam entwickeln.

Stimmt auch. Es könnte intensiver daran gearbeitet werden, aber Haussuche ist nicht nur praktische Sucharbeit. Die Haussuche findet immer und in jedem Augenblick in euch selber statt. Und tatsächlich seid ihr im Moment etwas durcheinander.

Es gibt aber derzeit keine praktische Hilfe, die ich euch dafür geben könnte. Ihr müsst auch dieses Durcheinander zulassen und bearbeiten. Es gehört dazu. Warum setzt ihr – zum Beispiel für heute Abend – nicht einmal eine Sitzung mit dem Thema „innere Verwirrung“ an? Ihr könntet beispielsweise versuchen, mit den Kindern zusammen ein Haus zu bauen, aus allem was euch dazu in die Hände kommt und nützlich erscheint. Das würde euch wahrscheinlich um etliches weiterbringen, als die Kinder immer nur als nörgelnde Störenfriede bei eurer hoch wichtigen Schreibtischarbeit zu erleben. Spiel mit ihnen und redet DABEI über eure Sache.

In eurer Arbeit fehlt im Augenblick eines ganz und gar: Die Freude. Ihr seid verspannt und nervös, wollt eure Sache auf Biegen und Brechen voran treiben und kommt abends regelmäßig erschöpft und enttäuscht nach Hause. Geht es doch einmal andersherum an und versucht, erst einmal eine Atmosphäre von Spiel und Freude zu schaffen, Die Kinder könnten euch manches darüber lehren.

Ich dachte, du wolltest uns keine praktische Hilfe dazugeben?

Wie hilfreich der Tipp sein wird, muss sich ja auch erst herausstellen. Ihr seid im Moment reichlich phantasielos, dass euch selber so gar nichts zu eurer Situation einfällt. Jörg, gäbe es denn da nicht etwas für dich zu tun? Du weißt schon, was ich meine.

Du meinst, ich soll ein Spiel kreieren?

Zum Beispiel. Ein spirituelles New-Age-Häuser-Suchspiel. Und wenn du es nicht alleine tun möchtest, vielleicht könnt ihr so etwas gemeinsam auf die Beine stellen. Denkt einmal an eure künftigen Workshops. Was ihr derzeit erlebt, gibt bereits Stoff für einen wunderbaren Workshop ab. Aber natürlich nicht, indem man darüber Vorträge hält.

Genauso ist es mit vielen anderen Inhalten, die Monika bisher schon zusammengetragen hat. „Die Kraft der Gedanken“ zum Beispiel. Wie wäre es, wenn ihr euch einmal Gedanken darüber macht, auf welche spielerische, humorvolle, ernsthafte und lebendige Weise man so etwas in einer Gruppenarbeit umsetzen könnte? Wohlgemerkt: Das soll keine Beschäftigungstherapie von mir für euch sein, sondern es sind hoch brauchbare Anregungen, eure Sache VON INNEN HERAUS weiterzuentwickeln.

Spricht mich sehr an, auch wenn ich im Moment noch keine Ahnung habe, wie so etwas aussehen könnte. Doch, finde ich gut.

Na, dann bin ich ja beruhigt.

18.02.1986
(abends – (Nachdem alles schief lief und nichts mehr ging und Rebecca nach Hause gefahren war)

Monika:
Bitte hilf mir, ich bin total verwirrt. In mir ist ein Wust von Gefühlen, doch gleichermaßen eine große Sprachlosigkeit. Die Wucht meiner Gefühle erschreckt mich selbst, die Vorwürfe tun weh, doch weiß ich nicht, ob sie so stimmen. Wie soll ich mit der geballten Aggression umgehen, wenn sie kommt?
Und die Reaktionen darauf, sie tun weh, ja, aber nur auf einer Ebene. Die anderen Ebenen nehmen anders wahr und ich kann mich nicht verständlich machen.
Bitte hilf mir, ich bin so durcheinander. Vorwürfe wie: „Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“ stürzen mich in totale Verwirrung.

Du bist verwirrst, weil du zugleich richtig gehandelt hast und doch im Unrecht warst. Du empfindest durchaus richtig die Unzuverlässigkeit in der Gruppenarbeit und sie macht sich für dich an so vielen Kleinigkeiten fest, dass du unmöglich noch im Einzelfall den Finger darauf legen und sagen kannst: Hier und dort habt ihr wieder einmal gegen die Vereinbarung gehandelt.

Du erfährst diese Unzuverlässigkeit als grundsätzliches Problem, während die anderen nur den Einzelfalls sehen, was ihnen eine stärkere Position gibt. Sie können dann leicht sagen: Was regst du dich wegen dieser Lappalie so auf?

Gleichzeitig aber lässt du es zu, dass sich diese Dinge in dir aufstauen. Das ist nicht gut. Eure Gruppenarbeit ist AUCH Kleinarbeit und du MUSST im Einzelfall deinen ganzen Ärger zum Ausdruck bringen, wenn du dir selbst und den anderen die „geballte Aggression“ ersparen willst. Denn die bringt euch nicht weiter. Du nimmst auf verschiedenen Ebenen wahr, sagst du? Das ist richtig, aber was nützt dir das, wenn du diese Ebenen nicht mitteilen kannst? Du musst auch das lernen, sonst könnt ihr nicht gemeinsam weiterkommen.

Monika, du BIST der lebendige Geist dieser Gruppe, aber du hast deine Aufgabe noch nicht begriffen, geschweige denn, dass du sie ausfüllen kannst. Jörg kann eure Arbeit durchdenken, Rebecca kann ihnen die Form geben, aber immer setzt das DEINEN lebendigen Geist voraus. Wenn der Fluss dieses Geistes gestört wird, zum Beispiel durch unzuverlässiges Verhalten der anderen, dann MUSST du es DARAN festmachen! Du darfst die Dinge nicht übergehen, sondern musst wieder und wieder darauf pochen, dass die Vereinbarungen eingehalten werden und das DARF dir nicht lästig werden.

Gleichzeitig bin ich aber auch sehr unzufrieden mit dir. Ich hatte einen Vorschlag gemacht und du hast ihn ganz eindeutig boykottiert. Das hat die Situation heute Abend völlig überflüssigerweise verschärft. Die anderen beiden hatten sich nämlich innerlich sehr intensiv auf diesen Abend vorbereitet. Wie kommst du dazu, meine Vorschläge einfach abzutun? Ich erwarte von dir, dass du dich mit ihnen auseinander setzt, auch wenn sie dir nicht gefallen, denn sie haben sehr wohl ihren Sinn.

Ich erwarte Disziplin von jedem von euch, also auch von dir. Und wenn ich dazu überzugehen beginne, meine Wünsche als Vorschläge anzubieten, dann nimmt ihnen das nichts von ihrer Bedeutung. Zumal ich den Wunsch, dass ihr euch mit den Kindern anders als bisher beschäftigen möget, wohl kaum als Befehl formulieren kann.

Unzufrieden bin ich aber auch mit Rebecca: Sich einer Situation mit den Worten zu entziehen: „In so einer Stimmung kann ich nichts mehr machen“ ist Kinderei. In so einer Stimmung lässt sich noch sehr viel machen, denn diese Stimmung war real, sie war hier und jetzt da gewesen, und du hattest nicht das Recht, dich ihr zu entziehen.

Die Situation hat sich eben anders als geplant entwickelt – na und? Ich darf doch wohl etwas mehr Flexibilität erwarten in dieser Gemeinschaft, die sich doch einiges vorgenommen hat. Indem du gegangen bist, hast du der Situation, die ja eine Gruppensituation gewesen ist, jegliche Basis entzogen. Jetzt habt ihr WIRKLICH Zeit verloren. Ein ganzer Abend ist nutzlos vertan worden – weil du glaubtest gehen zu müssen.

Und ich? Zu mir wird wohl gar nichts gesagt?

Spaßvogel. Du hast dich heute Abend ausnahmsweise einmal richtig verhalten. Warst wütend und hast es gesagt. Das Traurige ist nur, dass all dies nicht vielmehr als Mätzchen sind. Es geht um Recht haben und weniger Recht haben. Ihr hackt aufeinander herum wie ein Schwarm Krähen. Das ist enttäuschend. Ihr müsst euch dabei allerdings immer vor Augen halten: Es ist eure Zeit, die ihr vertut, nicht meine!

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