Dialog 71

Damit es zu diesen Worten kommen konnte, die du mir eben gesagt hast, musstest du einen gewaltigen Schritt gehen und du bist ihn gegangen.

Dialog 71, 24.02.1986

Der Prozess eurer Gruppenfindung und der der Haussuche stehen jetzt in einem direkten Zusammenhang und sind voneinander abhängig. Ihr könnt also bei der Haussuche nicht weiter kommen, als ihr mit euch selber seid. Macht euch das sehr deutlich bewusst, wenn ihr das nächste Mal zusammenkommt.

Wenn ihr etwas bei euch selber übergeht, weil es vielleicht zu unbequem ist, sich damit zu beschäftigen, haltet ihr den gesamten Prozess an. Überlasst ihr euch aber wirklich mit Haut und Haaren diesem Prozess und gebt ihr alles in die Gruppe, was ihr geben könnt, werdet ihr sofort weiter kommen.

Und was ihr geben könnt und müsst sind: Stolz, Angst und alle Gefühle von Ablehnung, in welcher Form sie sich auch bei euch dem anderen gegenüber eingenistet haben. Legt diese Dinge als Opfer auf den Altar und reinigt euch davon, dann wird Raum in euch entstehen, in den die Liebe einfließen kann. Behaltet ihr aber diesen Unrat an irrealen Empfindungen in euch, vertut ihr eure Zeit und eure Chance. Dann ist das Treffen nur eine Farce und bewirkt gar nichts.

Um ein Beispiel zu geben: Wenn du Rebecca ablehnst und sie dabei anlächelst, gerät NICHTS in Bewegung. Ihr müsst einen Weg finden, eure Empfindungen zueinander auf den Tisch zu legen, um sie gemeinsam betrachten zu können. Das erscheint hart und grausam, aber viel härter und grausamer ist es, auf diese Weise weiterzuleben, angefüllt mit negativen Gefühlen, die den Geist in euch beleidigen.

Ihr habt die Pflicht, da durch zu gehen. Tut ihr es nicht, wird die Konsequenz die sein, dass ihr euer Haus nicht findet. Nehmt diese Dinge also ernst!

Wenn ihr eine Einführungsrunde macht, sprecht nicht nur allgemein über eure Empfindungen, als müsstet ihr eine unbedeutende Pflichtübung absolvieren. Geht so tief in euch, wie nur irgend möglich. Stecht den Spaten ganz tief in die Erde eurer Gefühle zueinander und befördert soviel Aushub wie möglich nach draußen, anstatt nur ein bisschen an der Oberfläche herumzukratzen. Sagt also den anderen auch, was ihr in diesem Augenblick von IHNEN denkt und was ihr für sie empfindet – oder nicht empfindet. Holt tief Luft und stürzt euch in dieses Abenteuer. Ihr könnt theoretisch in wenigen Tagen euer Haus haben – oder nie. Ihr habt dieses Haus sichtbar gemacht und zu Papier gebracht, damit es jeder sehen kann. Jetzt macht euch sichtbar und tretet aus dem Schatten heraus.

24.02.1986 (abends)
Monika ist der Meinung, Rebecca sei heute sehr sie selbst gewesen, und sie habe keine „falschen Töne“ herausgehört. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich merke derlei auch viel weniger sensibel als sie. Gegen Monika komme ich mir manchmal vor wie ein Hackklotz. Dabei habe ich mich immer für sehr gefühlvoll gehalten.

Du und gefühlvoll? Du kannst ein Eisberg sein, wenn es um beziehungsweise gegen deine Interessen geht. Monika hat in dieser Hinsicht ein viel feineres Instrument zur Hand als du und sie macht nicht gleich „zu“, so wie du es tust, wenn sich etwas gegen dich zu verkehren scheint.

Deshalb habe ich sie ja auch für die Aufgabe der Gruppenleiterin ausgewählt. Trotzdem möchte ich, dass sie diese Aufgabe für die nächste Sitzung einmal abgibt. Ich will, das Rebecca die Leitung der Gruppe für den nächsten Abend übernimmt.

Wir haben uns über den heutigen Abend unsere Gedanken gemacht. Nach unserer Meinung hat sich Rebecca bisher weder für dich noch für die Gruppe entschieden. Andererseits fragen wir uns, ob wir uns bisher eigentlich schon für Rebecca entschieden haben? Schaffen wir also vielleicht selber ein Klima, in dem Rebecca sich nicht entfalten kann? Sie sage heute, in unserer Gegenwart fühle sie sich immer wie tot.

Aha, so langsam kommt ihr also doch an die entscheidenden Punkte heran. Ja, so ist es, liebe Freunde. Ich habe euch Rebecca zugeführt, weil ich sehr wohl meine Pläne mit ihr habe, und ihr habt euch noch nicht für sie entschieden.

Wie können wir das ändern?

Diese Frage stellt sich Rebecca für ihr Problem auch schon die ganze Zeit und ich rate ihr nicht, weil sie das unbedingt alleine herausfinden muss. Dasselbe gilt auch für euch.

Wir haben uns auch schon Gedanken gemacht, so ist es nicht. Wir fragen uns, ob es wirklich so sein muss , dass Rebecca immer dasselbe Tempo läuft wie wir? Ich glaube, wenn sie sich von weniger unter Druck gesetzt fühlen würde, könnte sie eher ihren eigenen Rhythmus finden. Und der Druck würde dann wegfallen, wenn zum Beispiel die Haussuche nicht mehr von der Einigkeit unter uns dreien so absolut abhängig gemacht werden würde wie bisher. Wir glauben, wir könnten auf Rebecca freier zugehen, wen wir, was zum Beispiel die Haussuche betrifft, „schon mal lospreschen“ könnten.

Es ist aber leider so, dass die Hausfindung von der inneren Einigkeit von Euch dreien abhängt. Lospreschen könnte ihr soviel ihr wollt. Aber noch seid ihr eine Dreiergruppe und es ist die Einigkeit und Harmonie zwischen euch, die euch zum Ziel bringen wird, nicht eure Ungeduld.

Aber diese Harmonie kann man doch nicht erzwingen!

Wer tut das denn? Höchsten ihr.

Trotzdem meinen wir: Würde Rebecca innerhalb der Gruppenarbeit eher „ihren“ Raum einnehmen können, also Arbeiten machen, die ihr eher liegen zur Zeit, als die, die wir von ihr fordern, würde vielleicht manches anders laufen. Mir ist dieser Gedanke bei der Übersetzungsfrage des Vereinstextes gekommen. Das ist eine wichtige Arbeit und sie hat für den Verein eben soviel Bedeutung wie jede andere, die Monika und ich leisten. Sollten wir also die Arbeiten nicht zunächst einmal sinnvoller verteilen untereinander, so dass Rebecca Raum für sich gewinnt und mal wieder zum Luft holen kommt?

Sinnvoller verteilen! Ja, das könnt ihr, wenn ihr wisst, was sinnvoll ist und was nicht, Aber wisst ihr es denn? An diesen Dingen hängt euer Problem doch überhaupt nicht. Rebecca hat ganz andere Probleme zu bewältigen. In der Gruppensituation treten sie lediglich jetzt zutage. Lasst die Dinge einmal weiter ihren Weg gehen und wir werden sehen, was in den nächsten Tagen geschieht.

Wir waren heute morgen bei Rebecca. Sie hatte nach dem Abend gestern etwas aufgeschrieben, was ich dir gerne vorlegen möchte:

„Was soll ich da noch sagen? Nie so tot gewesen wie jetzt. Und es rührt mich nicht. Nichts rührt mich. Schön tot. Kein Schmerz. Tot sein ist schmerzfrei. Dann muss Leben weh tun. Ich will nicht leben, weil Leben weh tut.
Schön tot. Seine Ruhe haben. Allein sein – keiner stört mich. Nicht geliebt werden. Niemand will etwas von mir. Und Gott?

Erst hatte ich einen, den „lieben“. Dann kam ein anderer, der hat mir den „lieben“ kaputt gemacht. Jetzt habe ich gar keinen mehr. Was habe ich noch? Irgendetwas habe ich noch, das ich nicht hergeben will, sonst könnte ich ja springen. Was habe ich noch zu verlieren?

Die Liebe meiner Mutter.
Ich weiß nicht, warum ich mich immer noch an dich wende. Du nimmst mir alles weg, was mich aufrecht erhalten hat und ich fühle mich dem Tod immer näher. Die liebevolle, geduldige Mutter Rebecca, die ihrem Kind alles geben wollte – ich kenne keine Liebe mehr. Es gibt Momente, wo ich meine Tochter hasse, hässlich und hart finde, und sie belästigt mich nur noch. Ich kann ihr keine gute Mutter sein. Ich bräuchte selbst eine.

Meine Mutter willst du mir jetzt auch noch wegnehmen. Natürlich misstraue ich dir da. Meine letzte Zuflucht. Warum muss ich 1000 km zwischen mich und meine Mutter legen, wo ich mich doch anscheinend so gut mit ihr verstehe? Es ist in ihrer Gegenwart, wo mich alle Lebensgeister verlassen und mein Madonnendasein blüht. Sie hat es in mir gezüchtet und gepflegt, wie eine edle Blume im Garten. Und alles, was seinen Schatten darauf warf, wurde wie Unkraut herausgerissen.

Rebecca, ich muss dir alles nehmen, was dich daran hindert zu leben, das weißt du jetzt. Vieles habe ich dir schon genommen und damit Platz geschaffen in dir, damit das Leben in dich einfließen kann. Du empfindest diese Leere und es tut dir weh, aber du muss froh darum sein!

Du hast allen Grund mir zu danken und wirst es eines Tages auch tun können. Jetzt aber sind wir noch an einem anderen Punkt. In dir ist Leere und damit Raum für das Wirkliche geschaffen worden. Du bist schon viel realer als du es jemals gewesen bist, auch wenn dir das jetzt nichts zu bedeuten scheint und bitter weh tut. Damit es zu diesen Worten kommen konnte, die du mir eben gesagt hast, musstest du einen gewaltigen Schritt gehen und du bist ihn gegangen. Zwar bist du ihn nicht gerade freiwillig gegangen und man musste dich schieben und ziehen zugleich, aber deshalb ist es doch geschehen und wie immer zählt am Ende nur das Ergebnis. Sei zufrieden, wenn du mir schon nicht dankbar sein kannst. Du hast allen Grund dazu!

Bereite dich innerlich auf deine Aufgabe heute Abend vor. Sie ist wichtig, denn vielleicht wirst du es schaffen, mich in dich einfließen zu lassen, wenigstens ein Stück weit. Und ich möchte, dass du das fühlst, wie das ist. Wenn du das einmal gespürt hast, dann wirst du nie mehr Briefe schreiben müssen, wie den jetzigen. Erwarte mich. Heute Abend.

© Monika Laube. Du darfst diesen Artikel zum persönlichen Gebrauch unverändert kopieren und weitergeben, vorausgesetzt dieser Copyright Hinweis steht am Ende des Dokumentes.  Für eine gewerbliche Nutzung nimm bitte Kontakt mit mir auf.

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