Dialog 92

Erst wenn ihr eine Situation nicht mehr glaubt ertragen zu können, seid ihr gewöhnlich bereit euch zu ändern.

Dialog 92, 18.03.1986

Monika:
Abgesehen von der Erkenntnis, dass wir als Gruppe immer noch nicht genügend motiviert sind für deine/unsere künftigen Aufgaben, scheine wir festzustecken. Ich habe heute Abend zum ersten Mal das Gefühl gehabt, wirklich versagt zu haben. Wie macht man aus einer Einsicht eine Veränderung, wie motiviert man sich? Die Gruppe kommt mir leblos und leer vor, gerade so wie Rebecca in alten Zeiten. Alles nur Gerede. Unser Herz ist nicht dabei.
Oh Vater, ich glaube, wir alle sehnen uns nach dir und leiden unter der Starre. Verzeih uns. Es ist zum Verzweifeln. Wie lernt man zu wollen?

Und doch hast du nicht versagt! Du darfst nicht vergessen: Du bist nicht nur Leiterin dieser Gruppe mit keinen sonstigen Verpflichtungen, sondern du bist zugleich auch Teil dieser Gruppe und in ihren Prozess eingeschlossen. Die Starre, die du siehst, lähmt auch dich, und natürlich schränkt dich das in deinen Möglichkeiten ein. Man kann sich nun einmal nicht selber aus dem Sumpf ziehen. Jetzt zum Beispiel, ist es deine Leistung, dass du diese Starre erkennst, spürst und vor allem ansprichst. Dass du nicht sofort Lösungen zur Hand hattest gestern Abend, liegt eben unter anderem daran, dass du selber Teil dieser Gruppe und ihrer Lage bist.

Ohne dich wäre diese Gruppe nicht lebensfähig oder würde nur unter sehr großen Schwierigkeiten und beträchtlichen Opfern ihren Weg gehen können. Dein Problem ist allerdings, dass du leiten sollst, ohne selbst den Weg zu kennen. Das ist ein ganz besondere Situation, und sie ist schwierig. Ich kann dir den Weg nicht zeigen, weil ihr alle ihn finden sollt. Wenn ich dich trotzdem bitte, die Gruppe zu leiten und sie deine Hand spüren zu lassen, dann hat das dennoch seinen Sinn. Du erfüllst nicht nur eine Aufgabe damit, sondern du schulst dich selber für weitere Aufgaben, die noch kommen werden. Wichtig ist jetzt, dass du deine Aufgabe als Gruppenleiterin richtig siehst: du sollst das Leben dieser Gruppe erkennen, erspüren und korrigieren oder mindestens den Prozess unterbrechen und „halt“ rufen. Du brauchst nicht über deine Möglichkeiten hinaus zu wachsen und dort Wege finden, wo ich Dunkelheit bestimmt habe.

Zu deinen Fragen: Wie macht man aus einer Einsicht eine Veränderung? Wie motiviert man sich?
Du hast gerade eine sehr gute Leistung auf diesem Gebiet erbracht: Es ist dir gelungen, bei Jörg eine Einsicht so tief in seinem Inneren zu versenken, dass ein Wollen daraus geworden ist. Du hast ihn zur richtigen Zeit in der richtigen Weise angesprochen und seine „Einsicht“ konnte ungehindert alle üblichen Sperren durchbrechen und in direktes Handeln einmünden. Und das beantwortet auch die Frage. Die Einsicht ist ein Samenkorn, das zur richtigen Zeit auf den richtigen Boden fallen muss. Diesen Zeitpunkt zu erkennen und dann die richtigen Maßnahmen vorzunehmen ist Aufgabe einer Gruppenleiterin. Und es ist zugleich deine starke Seite.

Auch wenn du es jetzt bezweifelst. Eine solche Situation muss heranreifen, es müssen bestimmte Voraussetzungen vorliegen, dann schlägt Einsicht sofort in Handeln um. Diese Voraussetzungen sind – in der Regel – Leiden und Druck. Erst wenn ihr eine Situation nicht mehr glaubt ertragen zu können, seid ihr gewöhnlich bereit euch zu ändern. In eurem Falle habt ihr eine Einsicht gewonnen, aber die Verbindung zu eurem Leben noch nicht gesehen. Das ist kein Wunder, denn die Einsicht, so richtig sie ist, ist noch himmelweit von euch entfernt – und doch ganz nahe.

Eurer Weg ist ein Leidensweg und nur durch Leiden habt ihr bisher eure Änderungen vollzogen. Das muss nicht so bleiben, aber so ist es im Augenblick.
Du schreibst: „Wir alle sehnen uns nach dir und leiden unter der Starre.“ Bist du dir da auch ganz sicher? Oder bist nicht vor allem du es, die sich nach mir wirklich sehnt und unter der Starre leidet?

Wir müssen hier unterbrechen, aber meine Botschaft geht noch weiter.

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